Alte Männer auf der Bühne

Wer bei alten Männern auf der Bühne an Bands wie AC/DC oder KISS und viellleicht noch die Rolling Stones denkt, den mußt ich dieses Mal enttäuschen. Von meiner alten Lieblingsband KISS habe ich mich im Mai 2008 mit einem tollen Konzert in der Olympiahalle in München verabschiedet und das Thema wird für mich erst wieder aktuelle, wenn die Jungs das angedrohte neue Studioalbum tatsächlich wahr machen. AC/DC steht auch erst in genau drei Wochen auf dem Plan. Nein, heute geht es hier um wirklich alte Männer.

Anlass dafür ist ein Konzert, das ich am Sonntag im fast ausverkauften Stadtkasino erlebt habe um nicht zu sagen erleben durfte. Auf der Bühne stand eine Band, die wie keine andere Folk wieder in das Bewusstsein der Musikfreunde getragen hat: Die DUBLINERS.

Jeder kennt die Geschichten über arrogante Rockstars, denen ihr Ruhm zu Kopf gestiegen ist…seltener hört man von einem Star, der eben mit der Straßenbahn zurück ins Hotel fährt, um seine vergessene Auftrittskleidung zu holen, wie Sean Cannon, während das einzig verbliebene Originalmitglied Barney McKenna, der mittlerweile ohne Hilfe kaum noch ein paar Meter gehen kann, auch gestützt auf seinen Techniker noch Autogrammwünsche bediente.

Allüren kann man den fünf Herren aus Irland schon mal nicht vorwerfen. Die wahre Größe zeigt sich aber erst auf der Bühne. Mit einer Nettospielzeit von rund 140 Minuten steckt die Altherrenmannschaft von der Insel schon mal so manche Nachwuchsband in die Tasche und auch in Sachen Spielspaß überholt man die rüstige Gang nicht so schnell.
Auch wenn alle fünf mittlerweile stark auf die 70 zugehen, werfen sich zumindest die vier körperlich Fitteren auch mal für einen Moment in Rockstar-Pose und hüpfen wie Angus (und hier bin ich dann doch wieder bei AC/DC) über die Bühnenbretter. Und auch wenn Barney mittlerweile große Teile des Auftritts im Sitzen absolvieren muss, sitzt immer noch so gut wie jeder Griff, wenn er sein Banjo in die Hände nimmt. Und als er den todtraurigen Song „I Wish I Had Someone To Love Me“ schließlich im Stehen und mit brüchiger Stimme sang, hatte so mancher im Publikum Tränen in den Augen.

Ein ganz ähnliches Erlebnis hatte ich im Juli 2008 beim Stimmen Festival in Freiburg. An einem der Tage sollten MANDO DIAO als Headliner auftreten. Normal sicher, dass nur die Techniker den Soundcheck machten und die Band erst kurz vor dem Auftritt am Gelände ankam. Wer ab und zu einen Blick hinter die Kulissen von Konzerten werfen kann, kennt das Prozedere.
Die unbekannte Vorband nahm den Jungs eine knappe Stunde der Spielzeit bis zum Zapfenstreich (das Stimmen Festival in Lörrach findet auf dem Marktplatz in der Innenstadt statt) ab, trotzdem betraten die Herren die Bühne mehr als 15 Minuten später als angesetzt, dafür hörten sie dann aber auch etwas früher auf. Ein fairer Ausgleich, möchte man meinen.

Am nächsten Tag war der Headliner des Abends der zu diesem Zeitpunkt 73-jährige LEONARD COHEN, der nach mehr als zehnjähriger Bühnenabstinenz wieder auf Tour gegangen war.

COHENs Bus tauchte gegen 16 Uhr, vier Stunden vor Konzertbeginn, auf dem Gelände auf und niemand rechnete mit mehr als seiner Tourcrew. Stattdessen stieg ein großer, hagerer Mann aus dem Nightliner…LEONARD COHEN selbst, der es auf dem Weg zur Bühne nicht versäumte, ausnahmslos jeden im Backstage persönlich zu begrüßen. Auf der Bühne angekommen spielte er mit seiner Band als Soundcheck für die Leute auf dem noch nicht abgesperrten Marktplatz drei seiner Hits.
Abends hatte der kanadische Liedermacher keine Vorband und spielte netto mehr als 150 Minuten, unterbrochen von einer Pause. Ich muss zugeben, dass ich mich außer einigen Hits wie „Halleluja“ bis dahin nicht mit COHENs Musik beschäftigt hatte, aber ich habe bei keinem Konzert eine so dichte und auf schöne Weise melancholische Atmosphäre erlebt, ohne dass seine Songs auch nur ein mal weinerlich oder pathetisch geworden wären. Immer wieder bedankte sich COHEN beim Publikum auf dem restlos ausverkauften Marktplatz in Lörrach und als er am Ende von der Bühne stieg war er zwar ausgepumpt, aber ER hatte seinem Publikum alles gegeben.

Und die Moral von der Geschichte? So mancher „junge und heiße Band“ sollte sich ihre 60 Minuten-Konzert Abzocke vielleicht noch mal durch den Kopf gehen lassen und sich überlegen, warum und durch wen sie auf der Bühne stehen.
Und wir, die Fans? Wir sollten vielleicht auch kritischer werden und schwache Leistungen junger Bands nicht mit dem Alter entschuldigen. Wie alt waren der die Helden der 60er, 70er und 80er, als sie ihre großen Alben einspielten? Und wenn 70-Jährige über zwei Stunden ein intensives Konzert spielen können, müsste man dann nicht mindestens das Selbe von Mittzwanzigern erwarten können?
Und nicht zuletzt sollten wir die nicht vergessen, die die Grundlage für das gelegt haben, was wir heute hören. Ohne die DUBLINERS keine DROPKICK MURPHYS, REAL MCKENZIES oder FLOGGING MOLLY und die düsteren und schweren Balladen von LEONARD COHEN dürften Inspiration für tausende von Songschreibern gewesen sein. Deshalb kann es nicht schaden, auch die Originale hin und wieder mal in den Player zu schieben und dabei die Regler auf Elf zu drehen…

Im Original veröffentlicht bei BurnYourEars: Mein Senf

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