Gedanken zur deutschen Festivalszene die Erste – Wie groß ist zu groß

Konzerte sind einer der Mittelpunkte unserer Szenen und Festivals sind quasi Konzerte hoch Zehn. Trotz ständig steigender Preise ist das Preis-Leistungs-Verhältnis immer noch unschlagbar und das ist noch lange nicht alles. Man sammeln seine Truppe zusammen, trifft sich mit Freunden aus dem ganzen Land, wenn nicht aus halb Europa und für nicht wenige ist die Party auf dem Campingplatz genau so wichtig wie das Geschehen auf dem Gelände. Doch das stetige Anwachsen vieler Festivals hat nicht nur Vorteile. So manches gemütliche Szenetreffen ist mittlerweile zu einer Massenveranstaltung geworden.

Vor einigen Jahren gehörte auch ich zu denen, die nach jedem ersten August-Wochenende stolz berichteten, dass sie auf dem größten Metalfestival Europas, wenn nicht sogar der Welt gewesen sind. Aber damals war die Reaktion der Familie und der weniger szenegebundenen Freunde „Wacken? Was soll das sein?“

Mittlerweile habe ich, wie viele langjährige Besucher, für mich erkannt, dass Wacken heute nichts mehr mit der familiären Party mit 25.000 Musikfreaks zu tun hat, die für mich lange als Jahresurlaub vollkommen ausgereicht hat. Die Massenabfertigung, bei der im letzten Jahr erstmal zahlende Besucher zum Headliner nicht mal mehr auf das Gelände gelassen wurden, macht mir einfach keinen Spaß mehr und so habe ich schon nach meinem letzten Besuch 2005 schweren Herzens entschieden, mir eine neue Festivalheimat zu suchen. Spätestens als ich mir im letzten Jahr Bilder von der Webcam auf dem Festivalgelände angesehen habe, fühlte ich mich darin auch bestätigt. Früher kam man irgendwann am Tag auf das Gelände, setzte sich mit seinen Freunden auf die Wiese und ging mal zu dieser, mal zu jener Bühne, wenn eine interessante Band spielte. Das ging so bis in den Abend, wenn man sich bei den Headlinern endgültig für eine Bühne entscheiden mußte…letztes Jahr war ab dem Vormittag schlicht kein Platz mehr, um sich irgendwo auf die Wiese zu setzen.
Ach ja, mittlerweile kennt Wacken dank Live-Ticker auf Spiegel-Online, Berichten in diversen Tageszeitungen und Wochenzeitschriften und nicht zuletzt in Tageschau und Heute jeder. Sogar meine Oma weiß mittlerweile, wie es dort aussieht.

Das Problem beschränkt sich aber natürlich nicht auf den hohen Norden. Fast alle führenden Festivals, seien sie Szenegebunden wie das With Full Force und Summer Breeze oder eher allgemein kommerziell wie Rock Am Ring, Rock Im Park, Hurricane, Southside und Co, haben in den letzten Jahren deutliche Zuwächse verzeichnen können und zumindest die Letztgenannten haben in den Augen vieler eher etwas von einem Moloch als von einer angenehmen Atmosphäre. Und selbst das eigentlich für seine Entspanntheit bekannte Bang Your Head war im Jubiläumsjahr 2005 bis zum äußersten Rand seiner Kapazität besucht, wenn nicht darüber hinaus.

Eigentlich könnte man sich aber bei aller Bedrängtheit doch immerhin freuen, dass unsere Musik in all ihren Genres mittlerweile so viele Menschen anzieht. Aber die Atmosphäre auf vielen Festivals ist damit in den letzten Jahren nicht eben besser geworden. Traf sich früher die Szene im engsten Sinn mit ihrer Vertretern aus ganz Deutschland und vielen Nachbarländern zum Feiern und Fachsimpeln, hat man es mittlerweile nicht selten mit Wochenendrockern und –Metallern zu tun, die mit der Szene an sich wenig am Hut haben, im Alltag ganz brav ihre Rolle spielen und ausgerechnet an diesem Festivalwochenende zeigen wollen, wie hart…wie „Metal“… sie sind. Im Extremfall kann man sogar auf Gruppen treffen, die mit der Musik eigentlich gar nichts zu tun haben und sich nur „die Langhaarigen mal anschauen wollten“.

Als Besucher und als Schreiber stecke ich in einer Zwickmühle. Als Besucher möchte ich, wie viele Andere auch, die großen und bekannten Bands sehen und davon gibt es nirgends so viele zu einem so guten Preis wie auf den großen Festivals. Andererseits machen mir das Sardinendasein vor den Hauptbühnen und die fehlende familiäre Atmosphäre, in der man immer in wenigen Minuten mit jemandem ins Gespräch kam, einfach keinen Spaß.
Als Schreiber weiß ich, dass unsere Leser wenigstens auch Informationen und Berichte über die großen Veranstaltungen erwarten, weil sie eben die Fixpunkte um Szenekalender sind, während ich mich auf der anderen Seite frage, ob ich so manches Festival wirklich noch unterstützen möchte.

Bei einigen Veranstaltungen habe ich meine Entscheidung getroffen und die Konsequenzen gezogen und ich würde mich freuen, wenn mehr Metal- und Rockfans zeigen würden, dass sie sich nicht alles gefallen lassen. Vielleicht rücken dann irgendwann auch keine neuen Besucher mehr nach. Und es gibt viele mittelgroße und kleine Festivals, die zwar teilweise nicht die ganz großen Namen im Programm haben, aber zumindest für kleineres Geld die ganz große Party bieten.

Im Original veröffentlicht bei BurnyourEars: Mein Senf

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