Medienlandschaft: Online vs Print

Die Zeitungskrise ist kein neuer Begriff. Seit Jahren haben die gedruckten Zeitungen mit Auflagenrückgängen zu kämpfen, schrumpft der Anzeigenmarkt. Der andauernde Trend, die eigenen Inhalte im Internet kostenlos zur Verfügung zu stellen, hat das Problem eher verschlimmert, auch wenn (oder gerade weil) viele das Angebot gerne annehmen.
Im Musiksektor stehen die gedruckten Medien ihren eigenen Online-Angeboten gegenüber, für die sie aber mittlerweile nicht selten auch ein Entgelt verlangen und damit ihren Kollegen von den konventionellen Medien einen Schritt voraus sind. Zumindest im deutschsprachigen Raum einer breiten Palette an Online-Magazinen.

Deren Vorteile liegen zunächst mal auf der Hand: Aktualität und Platz. Wenn eine Newsmeldung heute über unseren Redaktionsverteiler kommt, kann sie im Idealfall einige Minuten, normalerweise aber spätestens einige Stunden später auf unserer Startseite stehen. Bei einem Printmagazin bestimmt der Rhythmus des Erscheinens die Aktualität. Da aber der Redaktionsschluss auch noch Raum für Endkontrolle, Layout und Druck lassen muss, können die „Neuigkeiten“ schon mal einige Wochen alt sein, bevor sie der Leser zu Gesicht bekommt.

Ähnlich sieht es bei Rezensionen aus. Im Regelfall bemühen wir uns, die Alben, die wir bekommen, zeitnah zum Veröffentlichungstermin zu besprechen bzw. die Rezension online zu stellen. Vielleicht sogar noch wichtiger ist, dass ein Onliner nahezu über unbegrenzten Platz für seine Artikel verfügt. Wenn ich eine CD ausführlich beschreiben möchte, bremst mich niemand mit dem Hinweis, dass pro Rezension nur 500 oder 1000 Zeichen vorgesehen sind (abgesehen davon, dass die Gesamtzahl der Rezensionen durch nichts begrenzt wird). Wenn ich von einem Konzert mit 30 guten Fotos nach Hause komme, freuen sich Redaktion und Leser über die ausführliche Galerie, und wenn sich bei einem Interview eine Dreiviertelstunde mit einem spannenden Gespräch ergibt, dann wird der Artikel eben fünf, sieben oder zehn Seiten lang und niemand zwingt mich, den Inhalt auf eine oder zwei Seiten zusammen zu kürzen, weil mehr Platz für die Story nun mal einfach nicht eingeplant ist.

Natürlich haben auch die „Printen“ ihre Vorzüge. Als noch nicht vollständig in einer virtuellen Welt aufgewachsener Mensch habe ich auch immer wieder gerne das gedruckte Wort in der Hand. Gerade mit Konzepten wie dem E-Book habe ich mich bisher nicht anfreunden können.
Außerdem verfügen Magazine in der Regel über deutlich bessere, weil über lange Zeit gepflegte Kontakte zu Labels und Konzertveranstaltern oder auch den Musikern selbst, und bekommen so Zugang zu Konzerten und Interviews, wo Onliner oft in die Röhre schauen. Oder sie können auf eine vertraute Art mit den Musikern umgehen, die zu Aussagen führen, die viele Onliner so vielleicht nicht bekommen würden.
Und schließlich wird zumindest angenommen, dass die gedruckten Medien die hochwertigeren Artikel beinhalten. Darüber könnte man sicher streiten, denn wirklich gelernte oder studierte Journalisten finden sich in den Redaktionen eher selten. Selbst bei den großen Print-Mags werden die meisten Artikel von freien Mitarbeitern geschrieben und nicht von der kleinen Gruppe bezahlter hauptamtlicher Redakteure.

Bei mir selbst, so viel kann ich verraten, hat sich der Fokus gerade im letzten Jahr stark Richtung Internet verschoben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ich seit Jahren durch immer neue „moderne“ Metal- und Rockstile und das Wiederaufblühen der härteren Metalsubgenres (oder die, die sich dafür halten) immer öfter in den Printmedien für Inhalte mitbezahlt habe, die mich nicht interessiert haben, die ich teilweise nicht mal unterstützen möchte. Das Problem stellt sich online nicht. Was ich nicht lesen möchte, klicke ich erst gar nicht an.
Dazu kommt, dass ich mir bei Bedarf durch das Klicken durch verschiedene Online-Mags innerhalb von wenigen Minuten ein breites Meinungsbild machen kann, das ich bei den einzelnen Printmagazinen, wenn überhaupt, in weniger ausführlicher Form in den Soundchecks finde, der dann aber nur einen Bruchteil der besprochenen CDs beinhaltet.

Und schließlich sind am Ende die Onliner sogar noch ein Stück unabhängiger. Natürlich sind auch wir darauf angewiesen, dass uns Plattenfirmen und Promoagenturen mit Alben zum Besprechen versorgen, manchmal werden Interviews für Konzertakkreditierungen verlangt oder wir bekommen eine physische Kopie eines besprochenen Albums nur bei guter Bewertung (was wollte man auch mit einem CD von einem Album, das einem ohnehin nicht gefallen hat?).
Trotzdem sind wir von der Industrie sehr viel weniger abhängig, denn wir müssen keine Anzeigen verkaufen, um überhaupt erscheinen zu können (heutzutage, damit wären wir wieder bei der Zeitungskrise aus der Einleitung, wird über den Verkaufspreis nur noch ein Bruchteil des Gesamtetats erwirtschaftet) und wir verkaufen keine Seiten im Heft. Selbst in einem kleineren Print-Magazin kostet eine mehrseitige Titelstory schon einige Tausend Euro. Dass die und die dazugehörige Rezension dann nicht vollkommen vernichtend ausfällt, versteht sich von selbst.

Noch hält sich, und das ist eine gute Nachricht, eine große Anzahl an verschiedenen genreübergreifenden und Spartenmagazinen. Und je ausdifferenzierter die Medienlandschaft ist und bleibt, desto besser für die Szene. Doch die Onliner sind eine starke Konkurrenz für die alten Medien, umgekehrt gilt das weniger.
Spannend wird es wohl vor allem, wenn die Generation, die von Anfang an gelernt hat, sich über das Internet zu informieren, die Mehrheit der Rock- und Metalfans stellt. Spätestens dann wird sich zeigen, ob Printmagazine ein Auslaufmodell sind oder weiter Bestand haben.

Damit genug Philosophie für heute. Legt eine gute CD ein, egal ob ein Heft-Sampler oder ein Album, und dreht die Regler auf Elf…

Im Original veröffentlicht bei BurnYourEars: Mein Senf

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