Griechen raus?

Lange wurden sie herbei geschrieben und langsam scheinen sie im Bereich des Möglichen: Der Austritt aus der Eurozone und die folgende Insolvenz Griechenlands. Berthold Köhler kommentierte in der FAZ, dass die „Omerta des Schweigens“ über dieses Thema nun endlich gebrochen sei und meint damit vermutlich die Politiker, die seit die griechischen Finanzierungslücken offenbar wurden, an keinem Mikrofon vorbei gehen konnten, ohne von einem möglichen Schuldenschnitt oder gar einem Austrittsszenario zu fabulieren. Auch wenn FDP Generalsekretär Lindner in der Financial Times noch beteuert, die FDP würde den Ausschluss nicht herbei reden wollen, haben sich führende Köpfe, oder Kopflose, der Koalition scheinbar längst entschieden.

Den Stammtisch wird es freuen. Schon lange fordert man dort, befeuert von Wirtschafts-„Experten“ vom Schlage eines Hans-Werner Sinn und Politikern bis hinein in die Koalitionsspitze (die sich ohnehin nie Eindeutig zur den Hilfsmaßnahmen bekennen mochte), dass „wir“ den „Südländern nicht mehr ihren verschwenderischen Lebensstil finanzieren“.

Der Wahrheitsgehalt von Scheinargumenten wie der angeblich viel zu frühe Renteneintritt oder die endlosen Urlaube der Griechen wurden bereits ausreichend auseinander genommen. Aber wie sieht ein realistisches Szenario eines Ausstiegs wirklich aus?

Die ersten Auswirkungen werden selbstverständlich in Griechenland selbst spürbar werden. Ohne die Garantieren und Soforthilfen der EU könnte das Land zu akzeptablen Konditionen kein frisches Kapital mehr aufstellen, es wäre innerhalb kürzester Zeit zahlungsunfähig und könnte seine Schulden nicht mehr bedienen. Ob Renten, Sozialleistungen und die Gehälter der Staatsbediensteten weiter gezahlt werden könnten, kann nur spekuliert werden.

In einem Land, das weitgehend autark wirtschaftet oder zumindest in der Lage wäre, die Grundversorgung der Bevölkerung aus der eigenen Wirtschaft zu decken, wäre ein einigermaßen normales Weiterleben eventuell denkbar. In einem räumlich begrenzten Territorium wie Griechenland (am Rande des Kontinents und an drei Seiten vom Meer umgeben), das seine Bevölkerung seit der Antike nicht mehr allein aus der eigenen Landwirtschaft ernähren konnte und schon lange Zeit auf Importe angewiesen ist, können die Auswirkungen verheerend sein.

An dieser Stelle würden die Griechen dann also zur Drachme zurückkehren. Die Idee Vieler ist, dass Griechenland durch die Abwertung seiner dann eigenen Währung die Schulden quasi über die Druckerpresse leichter bedienen kann und im Export wieder konkurrenzfähiger würde, was die Wirtschaft ankurbeln soll.

Nun wurde, wenn es auch noch nicht überall angekommen ist, oft genug erklärt, dass eine Abwertung der Währung für die Bewältigung der derzeitigen Schulden überhaupt keine Hilfe wäre. Die lauten nämlich auf Euro und so würde sich der Schuldenstand in diesem Bereich also nicht verringern.

Bisher kein Thema war die Frage, ob und wie die Helenen zu frischem Geld kommen könnten. Welcher Anleger würde Staatsanleihen in einer Währung zeichnen, bei denen von vorneherein klar ist, dass sie abgewertet wird und damit die angelegte Summe dahin schmilzt? Alternativ wäre es nur möglich, dem Anleger eine Wertsicherung anzubieten, indem Anleihen in einer Referenzwährung ausgestellt werden. Aber auch für die Rückzahlung dieser Schulden wäre eine Abwertung der Drachme keine Hilfe. Griechenland würde auf Jahrzehnte nicht mehr als regulärer Wirtschaftsakteur in Erscheinung treten können.

Zeitgleich würden sich bei sämtlichen Gläubigern die griechischen Staatsanleihen von bisherigen Aktiva in reine Verluste umwandeln. Schätzungen gehen davon aus, dass im Fall einer Zahlungsunfähigkeit bis zu 80% der Forderungen abgeschrieben werden müssen.

Aktuell ist die EZB eine der wichtigsten Gläubigerinnen des Landes, weshalb „wir“ auch derzeit große Teile der Sofortüberweisungen postwendend zurück erhalten und an der Griechenlandhilfe sogar noch verdienen. Wie viele Anleihen deutsche Banken, Unternehmen und Privatleute noch halten, ist schwer abzuschätzen. Ebenso ist es schwer, inwieweit sich daraus eine Destabilisierung der bereits 2008 „geretteten“ Banken ergeben könnte, die für den sprunghaften Anstieg der Staatsschulden ja maßgeblich verantwortlich sind. Die in den letzten Tagen laut gewordenen Forderungen, die europäischen Banken mit Kapital zu stabilisieren, lassen Schlimmes ahnen.

Fataler als die direkten Auswirkungen einer Griechenland-Insolvenz könnte sich allerdings das daraus ergebende Signal erweisen: Bisher war die Erhaltung des Euro-Raums, zumindest offiziell, das entscheidende Ziel der EU Mitglieder. Wenn aber ein Land aus der Euro-Zone austritt, warum dann nicht ein Zweites oder Drittes?

Spätestens seit der sachlich kaum nachvollziehbaren Ankündigung von Standard&Poor’s, im Falle von Eurobonds die Anleihen so wie den schwächsten Teilnehmer bewerten zu wollen, dürfte klar sein, dass hier jemand „Blut sehen will“. Attacken auf die anderen schwächelnden Mitglieder der Herde, Spanien, Portugal, Irland, aber auch Angriffe auf scheinbare Kernländer wie Frankreich oder Belgien, sind denkbar und müssten, nach den neuen Doktrin des Nicht-Rettens, zum gleichen Ergebnis führen wie in Griechenland.

Sollte die Griechenland-Pleite die deutschen Banken noch nicht ausreichend erschüttern, ein wirtschaftlicher Zusammenbruch des gesamten Mittelmeer-Raums sollte dafür genügen. Ob „uns“ dann eine Bankenrettung wirklich billiger käme als die Soforthilfen für Griechenland (die, wie erwähnt, über die EZB sowieso zu „uns“ zurückkommen) ist zweifelhaft. Spätestens bei der Frage, wer denn nun unsere hoch effektiv und dank gedrückten Löhnen günstig produzierten Waren kaufen soll, wenn sich der handlungsfähige Teil der EU erst von Österreich an nordwärts erstreckt und Binnenkonjunktur bei uns weiterhin ein Schimpfwort bleibt, dürfte unterm Strich eine rote Zahl stehen.

Es bleibt jetzt die Frage warum es insbesondere die deutsche Regierung nicht schafft, diese Perspektive zu erklären und warum die Koalition, die ja immerhin aus den Parteien besteht, die jede Wirtschaftskompetenz allein für sich in Anspruch nehmen, nicht einmal grob beziffern kann, in welchem Ausmaß Deutschland von der EU in der aktuellen Form profitiert.

Statt den Wähler mitzunehmen, werden entweder Entscheidungen ohne Erläuterung durchgedrückt und gleichzeitig gegen die selben Entscheidungen dann polemisiert oder, das könnte der neue Weg werden, nach Stimmungslage entschieden, ohne die mittel- und langfristigen Folgen im Blick zu haben. Doch das wird weder Schwarz-Gelb eine Zukunftsperspektive über die Bundestagswahl 2013 hinaus geben, noch Deutschland oder Europa eine Perspektive über die Krise hinaus.

Im Original veröffentlicht beim Spiegelfechter

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