Das isser ja wieder

Haben wir ihn vermisst? Um ehrlich zu sein, haben die meisten in den letzten sechs Monaten wohl nicht all zu viele Gedanken an Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg verschwendet. Warum auch, könnte man sagen, der überführte Betrüger (und um nichts anderes als Betrug handelt es sich schließlich beim bewussten und großflächigen Plagiieren in einer Doktorarbeit), hat sich mit Schwung selbst ins Aus befördert und wird kaum wieder den Weg auf die politische Bühne finden. Auch ich war mir ehrlich gesagt relativ sicher, dass Guttenberg aufgrund seiner gegelten…’schuldigung, gesalbten Herkunft sicher in einige angenehme Positionen umsteigen, kaum aber über die Chuzpe verfügen dürfte, erneut öffentliche Ämter in Angriff zu nehmen. Da ich meine Fehler eingestehen kann, tue ich das hiermit: Scheinbar habe ich mich geirrt.

Die Ankündigung eines Buches, der gut von den deutschen Medien abgedeckte Auftritt bei einer Konferenz in Kanada und einige Interviews in großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen bzw. deren Internetablegern in den letzten Tagen, mit der Ankündigung, eine neue Promotion anzustreben, hätten Warnzeichen genug sein können. Spätestens nach der Einstellung des Verfahrens gegen eine Zahlung von 20.000€ an die Krebshilfe ist aber klar, dass Guttenberg seine Ambitionen noch lange nicht begraben hat. Und auch die Strategie, die er und seine Verteidiger anwenden werden, zeichnet sich immer deutlicher ab.

Der erste wichtige Grundbaustein ist die Verfahrenseinstellung. Da er nicht vorbestraft ist, so wird man argumentieren, kann das Vergehen ja so schlimm nicht gewesen sein. Mehr noch, wenn er tatsächlich einen neuen Doktorvater findet, der ihm schnell noch einen neuen Titel verpasst (und bei seinen Verbindungen und denen seiner Familie muss man daran kaum zweifeln), wird man ins Feld führen, dass er ja nun spätestens jetzt die Leistungen wirklich erbracht hätte und man das Thema ruhen lassen solle.

Die zweite Säule zeichnet sich gerade in der Kritik an der deutschen Politik im Allgemeinen und der CSU im Besonderen ab. Schon vor seiner Rücktritt (natürlich nur um seine Familie zu schützen) beruhte die Guttenberg-Verehrung vor allem auf der Legende, er hätte sich als Minister in der Wirtschaftskrise als einziger gegen die Mehrheitsmeinung in der Regierung gestellt (quasi das administrative Gegenstück zur Political Correctness) und seinen Mann gestanden (weil er als Adliger auf profane weltliche Titel ja gar nicht angewiesen sei, wie manche Zeitung vermutete). Dass er jedes Mal, wenn er mit viel Tamtam etwas herausposaunt hat, hintenrum klein beigeben musste, fiel dabei unter den Tisch. Auch jetzt wird fleißig am Bild des Rebellen gefeilt, der sagt, was sich sonst keiner traut. Dass seine Kritik aus wohlfeilen Allgemeinplätzen besteht, stört dabei kaum.

Das Ergebnis der Bemühungen scheint auf den ersten Blick eher zwiespältig. Bis auf die zu erwartenden Verlage, denen Fakten ohnehin nie all zu wichtig waren, liest man überwiegend eher kritische Stimmen. Das Fehlen echter Reue wird beklagt und dass es Guttenberg an einer gewissen Demut mangele, wo er sich jetzt schon wieder in Funktionen vom Konzernlenker bis zum Minister sehe. Auch modische Kritik ist hier und da zu lesen. Gut, was das nun etwas weniger schmierige Äußere mit seiner fachlichen Kompetenz zu tun hat, weiß vermutlich auch nur der Focus.

Aber gerade da liegt der Knackpunkt, denn die Frage seiner fachlichen (In)Kompetenz ist gleichzeitig scheinbar vollkommen vom Tisch. Niemand fragt mehr nach seinem schon lächerlich aufgehübschten Lebenslauf, mit dem er seine Eignung zum Wirtschaftsminister belegen wollte (man erinnere sich an das Praktikum, das zum Arbeitsverhältnis im Ausland wurde und das Verwalten des Familienvermögens mit immerhin zwei Mitarbeitern, das zum Leiten eines international agierenden Unternehmens avancierte). Kein Mensch redet über seine Rolle in der Wirtschaftskrise. Oder besser, keine Rolle in der Wirtschaftskrise, weil außer der Kritik an der Opelrettung (die trotzdem kam) kein Ton von seiner Seite (immerhin Wirtschaftsminuster) zu hören war. Es wird nicht diskutiert, dass er als Verteidigungsminister zwei Untergebene für seine voreiligen Äußerungen über die Klinge springen ließ, obwohl er nachweislich über die Vorgänge informiert gewesen war. Kein Wort von seinen populistischen Schnellschüssen in der Gorch Fock-Affäre. Und wie war das mit der Bundeswehrreform? Sein Nachfolger räumt bis heute das Chaos aus, das die Verkündigung des Endes der Wehrpflicht, ohne auch nur den Ansatz eines Konzeptes ausgearbeitet zu haben, verursacht hat.

Die Reduktion auf die „moralische“ Frage ist schon ein gigantischer Erfolg für Guttenberg. Dass er im Amt nie etwas auf die Reihe gebracht hat, tritt in den Hintergrund. Bald wird es wieder als der erfolgreiche Jungpolitiker dargestellt werden, der über einen dummen alten Fehler gestolpert ist. Gut, um einen Canossagang wird er vermutlich nicht herumkommen. Sollte er den medialen Kniefall aber zum richtigen Zeitpunkt gut inszenieren, könnte er den Betrug in seiner Doktorarbeit tatsächlich mit einem Schlag vom Tisch gewischt haben. Einziges Risiko ist derzeit der Eindruck, dass Guttenberg von der Justiz bevorzugt wurde. Das könnte ihn tatsächlich Sympathiepunkte kosten. Sollte sich das nicht verfangen, sehen wir vielleicht sogar noch einen Bundeskanzler zu Guttenberg. Lang lebe Karl Theodor I.

Im Original veröffentlicht beim Spiegelfechter.

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