Religion aus der atheistischen Perspektive: 1. Genese einer Religion

Im ersten Teil meines atheistischen
Quartetts soll es um die Grundlagen von Religion gehen. Was ist eine Religion, wie entsteht sie, welchen Zweck erfüllt sie und wie entwickelt sie sich über die Zeit. Es geht hier zunächst vor allem darum, eine Informationsgrundlage und eine klare Definition für die weiteren Folgen der Serie festzulegen und einen nüchternen Blick auf das Phänomen Religion als Ganzes zu werfen.

Was ist Religion? 

Eine einzige allgemein anerkannte Definition von Religion existiert nicht. Die Uneinigkeit beginnt bereits mit der Wortherkunft, ob etwa das lateinische „religio“, das Wieder-Verbinden mit dem Göttlichen, oder „relegere“, das Wieder-Lesen der Mythen.
Eine klassische (substantivistische) Definition wäre die Sphäre der Heiligen und Übernatürlichen. Damit lassen sich allerdings ausschließlich die so genannten „Hochreligionen“ bearbeiten, da viele Anhänger animistischer Religionen, die von einer beseelten Natur ausgehen, und an Göttern, Geistern und Ahnen überhaupt nichts übernatürliches finden können.

Hilfreicher für unsere Überlegungen ist die funktionalistische Sichtweise, die sich vor allem darauf konzentriert, welche Wirkung Religion entfaltet. Ein Beispiel wäre dabei der Ethnologe Clifford Geertz mit seiner Formulierung:

„Eine Religion ist
(1) ein Symbolsystem, das darauf zielt
(2) starke, umfassende und dauerhafte Stimmungen und Motivationen in den Menschen zu schaffen,
(3) indem es Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert und
(4) diese Vorstellungen mit einer solchen Aura von Faktizität umgibt, dass
(5) die Stimmungen und Motivationen völlig der Wirklichkeit zu entsprechen scheinen.“

Der Soziologe Emile Durkheim ging davon aus, dass der Kern von Religion das Zeigen von Symbolen bzw. das Wiederholen von symbolischen Handlungen ist, durch die die Gesellschaftsordnung bestätigt wird. Dieser Gedankengang wird später noch wichtig werden.

Da eine einheitliche Definition fehlt, kann die nächste Frage helfen, das Thema genauer zu fassen:

Woraus besteht eine Religion?

Es gibt eine Reihe von Bausteinen, die sich in nahezu allen Religionen finden. Wortwörtlich am Beginn jeder religiösen Überlieferung steht in der Regel ein Schöpfungsmythos, der die Entstehung der Welt, in der wir (bzw. diejenigen, von denen dieser Schöpfungsmythos stammt) leben. Dieser Mythos erklärt oft nicht nur die Entstehung der Welt, sondern bindet sie in eine Kosmologie ein, setzt sie in Beziehung zu Sonne, Mond und Sternen, für möglicherweise Ober- und/oder Unterwelt(en) hinzu.

Zunächst wird also erzählt und erklärt, wie die Welt so entstanden ist, wie man sie vorfindet. Dabei spielen handwerkliche Tätigkeiten aus dem Alltag der Autoren eine wichtige Rolle. Überdurchschnittlich oft werden Lebewesen von Göttern oder Urahnen aus Erde geformt. Außerdem ist der Mensch (im Kern natürlich vor allem die eigene Volksgruppe, deren Name übersetzt auch oft schlicht „Mensch“ bedeutet) das Produkt des letzten Schöpfungsaktes, was aber nicht immer eine Aufwertung zur
„Krone der Schöpfung“ nach sich ziehen muss.
Außerdem wird an dieser Stelle oft dargelegt, wie die Götter (seltener der Gott, denn monotheistische Religionen sind eher die Ausnahme) und Geister Einfluss auf den der Verlauf der Welt nehmen, wobei ihre Handlungen dabei oft den alltäglichen Verrichtungen der Menschen sehr ähnlich sind.

Daneben gibt meistens einen Regelkanon, deren Gebote man in zwei Gruppen unterteilen kann. Die eine Gruppe bezieht sich auf den Alltag und gibt den Umgang miteinander vor. Dazu gehören oft Tötungsverbote, Verbot von Diebstahl, Ge- und Verbote bei der Partnerwahl (wobei die meisten Religionen sogar eher darauf achten, sich einen Partner bzw. oft eine Partnerin außerhalb der eigenen Gruppe zu suchen) usw. Gelegentlich enthalten sie auch „göttliche“ Ratschläge und Anleitungen für alltägliche Arbeiten, etwa wann bestimmte Pflanzen gesetzt oder gesät werden.
Die zweite Gruppe behandelt den Umgang mit dem Übernatürlichen. Denn um die Ordnung im Kosmos aufrecht zu erhalten, bedarf es in der Regel auch (ritueller) Handlungen der Menschen. Je komplexer die Gesellschaft strukturiert ist, desto komplizierter und aufwändiger sind auch diese Rituale, die früher oder später zu Professionellen führt, die sich überwiegend oder ausschließlich mit Sakralen beschäftigen.

Und schließlich enthalten viele religiöse Überlieferungen einen chronologischen Erzählstrang, in dem die Geschichte, oder zumindest wichtige Ereignisse wie Veränderungen des Siedlungsgebietes, Kriege, Spaltungen oder Naturereignisse, der Gemeinschaft in Legendenform (oft stark abgeändert oder moralisch interpretiert) erzählt. Insofern sind die Schriften der drei großen monotheistischen Religionen relativ typische Vertreter ihrer Zunft.

Welchen Zweck erfüllt Religion?

Religion nimmt in der Regel drei wichtige Funktionen ein. Zum einen liefert sie Antworten auf offene Fragen. Diese Fragen können philosophischer Natur sein, vor allem aber erklärt der Mythos all die Vorgänge, die die Menschen zwar beobachten, aber deren Funktionsweise sie noch nicht verstehen können.
Wenn man zum Beispiel die thermischen Vorgänge, die sich in einem Blitz entladen, nicht kennt, scheint es vollkommen logisch, dass jemand ihn geschleudert haben muss. (Und da die Auswirkungen eines Blitzschlages negativ sind, ist klar, dass dieser Jemand auf die Menschen wütend sein und besänftigt werden muss.)
Die philosophischen Antworten beschäftigen sich mit grundlegenden Fragen wir dem „Wo kommen wir her?“, „Warum sind wir hier?“ und „Wohin gehen wir?“, aber auch mit dem Aufbau eines allgemeinen Moralsystems.

Dieses Moralsystem stellt die zweite wichtige Funktion dar: Die Religion bekräftigt einerseits die grundlegenden Regeln des Zusammenlebens, ohne die keine Gesellschaft funktionieren kann, und stellt zusätzlich Regeln auf, die auf die spezielle Lebenssituation der eigenen Gemeinschaft ausgerichtet sind. Diese grundlegenden Regeln sind, wie gesagt, keine Erfindung der Religion, sie lassen sich aber, wie die weiteren Regeln auch, mit Hilfe eines sakralen Mythos gut durchsetzen. Wenn diese Gebote „übernatürlichen“ Ursprungs sind, müssen sie nicht gerechtfertigt werden. Denn wer möchte schon den Göttern widersprechen?

Damit ergibt sich auch die dritte Funktion von Religion: sie stabilisiert die Gesellschaft. Zum einen geschieht das durch die bereits beschriebenen moralischen Leitfäden, zum anderen werden in den Überlieferungen oft ganz konkrete Gesellschaftsstrukturen und Institutionen festgeschrieben. Das geht normalerweise mit der Aussage einher, dass dieser Zustand so ist, wie er sein soll, oft direkt von den Göttern und Geistern so geschaffen wurde und schon immer so war, wie er jetzt ist.

Hier liegt der Schlüssel für das, was der Soziologe Emile Durkheim unter dem Begriff „Symbole zeigen“ zusammengefasst hat. Allein durch das regelmäßige Wiederholen von Handlungen durch die gleichen Personen bestätigt sich ihre Stellung in der Gesellschaft.

Wie entwickelt sich Religion?

Obwohl in den meisten religiösen Mythen behauptet wird, die Welt wäre (mindestens seit dem Ende des Schöpfungsvorgangs) in ihrem jetzigen Zustand, alles also schon immer so war und immer so sein wird, sind Religionen im vorschriftlichen Stadium sogar außerordentlich flexibel. Neue Entwicklungen werden in den Mythos eingefügt (und waren dann eben auch schon immer so) und wenn sich ein Gott, Ahne oder Geist als unfähig erweist, kann er auch schon mal fallen gelassen oder ausgetauscht werden. Genau so können neue Götter, die man beim Zusammentreffen mit anderen Gruppen kennen lernt (die dann ebenfalls ihren Platz im Mythos finden) in den eigenen Kosmos integriert werden.

Bis zur Verschriftlichung kann man also davon ausgehen, dass der religiöse Mythos auf die jeweilige Lebenssituation der Gruppe maßgeschneidert ist und sich verändernden Umständen relativ schnell anpassen kann, da eine mündlich überlieferte Geschichte sich von einer zur nächsten Generation stark verändern kann. Solange die neuen Zuhörer die alte Version nicht erzählt bekommen, wird für sie die aktuelle Fassung natürlich schon immer so gewesen sein.

Sobald der Mythos aber schriftlich festgehalten wird, erschwert sich die Anpassung an neue Verhältnisse. Das wird besonders problematisch, wenn eine Religion anfängt, sich auszubreiten und zu missionieren, denn der eigene religiöse Mythos war nie für andere Gesellschaftssysteme und Lebensumstände gedacht als die, die seinen Ursprung darstellen.
Eine Überarbeitung des Mythos ist schwierig, denn schließlich steht ja bereits geschrieben, wie es wirklich ist, und da diese Wahrheit göttlichen Ursprungs ist, wie kann sie falsch oder zumindest unvollständig sein? Zwar lässt die Interpretation der Texte noch einen gewissen Spielraum, aber auch hier verfestigen sich einzelne Interpretationen schnell zum Dogma, weil „es ja so geschrieben steht“.
Ebenso problematisch wird es, wenn sich der Wissensstand über die Funktion der Welt ändert und in Widerspruch zum religiösen Mythos gerät. Mit diesem Aspekt wird sich der zweite Teil dieser Serie am kommenden Sonntag beschäftigen.

In beiden Fällen bleiben zwei Möglichkeiten: der Mythos kann angepasst werden, was das Gesamtkonstrukt immer mehr zu erschüttern droht, je gefestigter die Strukturen und Institutionen sind. Oder es kann versucht werden, die Realität im Sinne des Mythos zu verändern bzw. die neu aufkommenden Erkenntnisse, die dem Mythos widersprechen, zu unterdrücken.

Fazit:

Aus der atheistischen Perspektive geht diese Reihe natürlich davon aus, dass Religionen keinen „übernatürlichen“ Ursprung haben und rein menschgemacht sind. Deshalb muss man annehmen, dass die Urheber des Mythos bzw. der einzelnen Teile, damit ein bestimmtes Ziel erreichen wollten.
Gerade in den Anfangsstadien werden diese Ziele vor allem das Finden von Erklärungen gewesen sein. Ob die Autoren dabei selbst an diese Antworten geglaubt haben oder nicht, lässt sich selbstverständlich nicht mehr feststellen. Nicht selten wurde auch vorhandenes Wissen oder die Geschichte der eigenen in Fabeln verpackt, um es so weitergeben zu können oder für die breite Masse konsumierbar machen.

Daneben wurden moralische Werte und Vorgaben weiter gegeben, die von den Urhebern der Mythen aus ihrem Weltbild und ihrer Lebenssituation heraus für das Leben der Gruppe für sinnvoll gehalten wurden. Besonders diesen Aspekt sollte man im Auge behalten, ohne den Autoren unlautere Motive unterstellen zu wollen.
Im Verlauf der Institutionalisierung dürfte allerdings der Erhalt und Ausbau der eigenen Position in den von der Religion vorgegebenen Strukturen immer wichtiger geworden sein, wobei viele Religionen diesen Punkt vermutlich nie erreicht haben.

Vor allem muss, um die Neutralität zu wahren, aber festgehalten werden, dass eine Funktion als Unterdrückungsinstrument oder Apparat zur Machterhaltung ursprünglich nicht die Hauptintention gewesen sein dürfte. Auch wenn das insbesondere den drei großen monotheistischen Religionen vorgeworfen wird (die ja ohnehin einen gemeinsamen Ursprung haben), dürfte sich das erst in späteren Zeitabschnitten ergeben haben.

Am kommenden Sonntag, dem zweiten Advent, beschäftigt sich Teil 2 der Reihe mit dem Verhältnis von Religion und Wissenschaft und damit einem der wichtigsten „Kriegsschauplätze“ der aktuellen Religionsdiskussionen. Bis dahin wünsche ich einen schönen Sonntag.

Religion aus der atheistischen Perspektive:
27.11. (1. Advent) Teil 1: Genese einer Religion
04.12. (2. Advent) Teil 2: Religion und Wissenschaft
11.12. (3. Advent) Teil 3: Religiöse Werte und gute Werke
18.12. (4. Advent) Teil 4: Gott

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31 Antworten zu “Religion aus der atheistischen Perspektive: 1. Genese einer Religion

  1. Pingback: Religion aus der atheistischen Perspektive: Einleitung | workingmansdeath

  2. Schöne Zusammenstellung.
    Vielleicht wäre noch der Hinweis interessant, dass es auch atheistische Religionen gibt, wie zum Beispiel Scientology oder bestimmte Strömungen des Buddhismus.

  3. Pingback: Religion aus der atheistischen Perspektive: 1. Genese einer Religion » Spiegelfechter

  4. Das stimmt. Ich bin mittlerweile mit dem Begriff „Atheist“ allgemein nicht wirklich glücklich. Aber es ist nun mal die gebräuchlichste Bezeichnung.

  5. „Schöpfungsmythos“ (aus dem Nichts) ist nicht die Regel, sondern Entstehungsmythos: in egalitären Gesellschaften werden die wesentlichen Elemente eher zum ersten Mal gefunden; auch in der Bibel ist die Schöpfung eine späte Entwicklung (nach dem babylonischen Exil) – „bara“ bedeutet wohl ursprünglich so was wie „roden“.
    Ätiologische Mythen sind eher eine Fehldeutung – es geht nicht um (technische) Ersatzerklärungen: Warum hat die Ameise einen eingekerbten Leib? Wenn du das siehst, denk dran – sie hat sich unsolidarisch verhalten, wie die Geschichte erzählt.
    Scientology, von einem schlechten Science-fiction-Schreiber gebastelte Ideologie, ist nur aus steuerrechtlichen Gründen eine Religion.

    • Welche deiner Kriterien für eine Religion erfüllt Scientology denn nicht?

      • Von den Anhängern her sehe ich Religionen eher als Orientierungsversuche – meist allerdings schon hierarchisch verwaltet und überkommen.
        Scientology wurde erst nachträglich als Religion ausgerufen. Anhänger werden mit (Kontroll-)Technikangeboten geködert. Auffällig finde ich die Vorliebe bei Schauspielern, Entertainern, deren Erfolg beim Publikum schwer planbar ist; dazu in Personalbüros.
        Mit dem Ideologiebegriff sollten wir nicht zu salopp umgehen: das Modell des (ägyptischen) Priestertrugs wurde überwunden durch „falsches Bewußtsein“, schließlich „notwendig falsches Bewusstsein“ – durch die Notwendigkeit Zugang zur Wirklichkeit, aber beruhend vor allem auf Verabsolutierung/Verewigung von Kategorien etc.

      • Ich habe jetzt immer noch nicht ganz verstanden, welches Kriterium für eine Religion bei Scientology fehlt. Glaubst du, dass die Anhänger in den Lehren von Hubbard keine Orientierung suchen?
        Halte ich für sehr unplausibel.

  6. Statt erschaffen eher umgestalten. Wir kennen oft nur literarische gestaltete Mythen, auch Ethnologen übergehen oft den Erzählkontext (Situation). Ägyptische Mythen werden nachkonstruiert aus (fragmentarisch erscheinenden) Hymnen in Ritualen. Religion soll nicht erklären, sondern orientieren: was bedeutet das für unser Leben. André Jolles ist hilfreich: „und so schafft sich aus Frage und Antwort der Mythos“ – der so wirksam ist, wie das Lebensproblem drängt; es gibt keine Autoren in unserem Sinne – s.a. Durkheim über Kollektivvorstellungen. S.a. „Sitz im Leben“ – auch von Octavio Paz aufgegriffen (morada de la vida).

  7. Der Ansatz ist schon gut gewählt, allerdings brauchen Religionen=Glaubensgeminschaften keinen „Gott“ um zu existieren.
    Das erkennt man an der Religion der aktuellen Finanzkrise „Der Markt regelt sich selbst“ …
    Eine Sache haben alle Religionen gemeinsam, sie sind von Menschen für Menschen gemacht worden.
    Wenn nun wenige Menschen Regeln für einen Glauben in einer Gemeinschaft aufstellen bewirken sie das sie selbst zu einer wichtigen Person (Herrscher) innerhalb der Gemeinschaft werden.
    Ich denke das vor allem dieser Aspekt Religionen und Nationalismus zu den größten Feinden der Menschheit macht, denn diese Institutionen erlauben es einigen wenigen problemlos über die Masse der „Herde“ zu bestimmen.
    Vielleicht sollte auch der Aspekt des SEINS angesprochen werden.
    Im Buddismus wie im Hinduismus und anderen sehr alten Glaubensgemeinschaften gibt es den Glauben an den Kreislauf der ewigen Wiedergeburt, den man zu durchbrechen hat bzw. an dessen Ende eine bestimmte Wiedergeburt zu stehen hat.
    Und der Kern der Entstehung von Glauben ist auch erkannt worden, wenn ich etwas nicht mit meinem aktuellen Wissen erklären kann, dann muß es etwas/jemand geben das ich nicht sehen kann und es tun.
    Ob das nun Geister sind oder ein Gott ist egal, in jedem Falle sind sie mächtig, denn sie können vernichten und ängstigen …
    Bin auf die weiteren Artikel gespannt 😉

    • Naja… Mich würde nun auch interessieren, was für dich eine Religion ausmacht, wenn du schon im Liberalismus eine siehst.
      (Abgesehen davon: Natürlich regulieren Märkte sich selber. Alles reguliert sich selber. Die Frage ist, ob uns das Ergebnis gefällt, wenn wir die Dinge sich selbst regulieren lassen.)

      • Wo ist der Liberalismus denn keine Religion?
        Wie oben beschrieben… die Kennzeichen des funktionalistischen
        Religionsbegriffes nach Clifford Geertz treffen doch voll zu, oder?
        Man muss nur Abschied nehmen von der Vorstellung, dass Religion immer
        etwas mit Transzendenz zu tun haben muss.
        Dann wird nämlich jede unreflektierte Glaubensvorstellung zur Religion –
        auch zum Beispiel Demokratie, die man dann mit Waffen exportieren darf. etc.

      • Ich halte Geertz‘ Definition für weitgehend nutzlos und gestehe dir deshalb jetzt einfach mal zu, dass nach einer sehr weitläufigen Auslegung einige Strömungen des Liberalismus darunter fallen, wie dann wohl jede politische und sonstige Überzeugung mit etwas gutem Willen darunter subsumiert werden könnte.

  8. Ich finde die Religionsdefinition von Gerhard Bellinger passender :
    „In dem Augenblick , wo Menschen aus einer Weltanschauung die Konsequenzen für ihre Lebensführung ziehen , wo sie aus gemeinsamen Wert- und Zielvorstellungen , die für sie sinnstiftenden Charakter haben , ihr Leben normativ gestalten , beginnt Religion .“

    • Das ist zwar in gewisser Weise sehr romantisch, von der kulturwissenschaftlichen Perspektive aber nicht sehr hilfreich. Vor allem hätten, wenn man diese Definition ernst nehmen würde, viele Religionen nur sehr wenige echte Anhänger.

      • Zumindest letzteres würde die Realität doch gut wiederspiegeln, oder nicht?

      • Ich finde diese Definition durchaus hilfreich.

        Hilft sie doch dabei, die Einflüsse der Religion von anderen Einflüssen (Machtstreben, Gruppendynamik, soziale Situation, etc.) abzugrenzen.

        Ebenso hilft sie, „religiöse Mechanismen“ auch da aufzudecken, wo man sie in der Alltagssprache gar nicht direkt mit Religion verbindet.

  9. Pingback: Religion aus der atheistischen Persprektive: 1. Genese einer Religion | Thorsten Beermann – workingmansdeath | LANZAROUTER.net – Nachrichten- und Informations-Portal

  10. „“Aus der atheistischen Perspektive geht diese Reihe natürlich davon aus, dass Religionen keinen „übernatürlichen“ Ursprung haben und rein menschgemacht sind. „““

    Stimmt: und da der Mann sich mit Mensch gleichsetzt …….“““Männergemacht““ und das heißt, die Vergewaltigung der Schöpfungskraft, der Frauen und aller Völkerschaften und Schwachen, die sich seinem MACHTANSPRUCH widersetzen.

    Die Macho-Religionen sind MACHTMISSBRAUCH!!!!

  11. Gute Zusammenfassung. Allerdings bin ich nicht ganz deiner Meinung, dass Machterhalt erst in einer späten Phase zu den Funktionen einer Religion geworden ist. Bei schamanistischen Stammesreligionen spielt das meiner Meinung nach schon sehr früh eine Rolle, jedenfalls vor der schriftlichen Fixierung des Mythos.

    • Das die Rolle des Schamanen in vielen Stammesgesellschaften eine etwas erhöhte Stellung mit sich bringt, stimmt sicher. Tendenziell wird der „Ruf“ auf den Posten (der ja in der Regel auch von „höheren Mächten“ stammt) aber oft eher widerwillig angenommen, weil das Lebens als Schamane oft eher parallel neben, als in der Mitte der Gesellschaft stattfinde und vor allem selten mit wirtschaftlichen Vorteilen verbunden ist. Schamanen sind selten „Profis“, die darauf verzichten können, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften.

  12. Liest sich alles sehr stimmig, allerdings würden Quellenhinweise das ganze noch abrunden. Ich weiss das ist schwierig, wenn man zusammenfasst was man über Jahre angelesen hat, aber ist ja bald Weihnachten da darf man sich ja Dinge wünschen.

  13. Es gibt im Grunde eine ganz einfache, evolutionstheoretische Begründung zur Genese der Religion, die sich durch das Modewort „Outsourcing“ beschreiben lässt.
    Werte, Normen, Erklärungsmuster, die die Menschen für sich klären mussten, Urteile, die die Menschen untereinander fällen mussten (was viel Zeit und Aufwand erforderte), wurden irgendwann auf eine mythologische Quelle zurückgebunden.
    Ein „Ältestenrat“, oder ein Haufen Gelehrter der immer wieder neu diskutieren muss, ob ein Mundraub im speziellen Falle nun Diebstahl ist, kann sich sinnvoller mit allerlei anderem beschäftigen, wenn einfach feststeht, dass der Dieb in der Hölle landet.

    Besonders auffällig werden diese Mechanismen beim Blick auf den Islam. Dort sind viele Gesetzessprüche Muhammads auch nur als spezielles Urteil überliefert – mussten dann verallgemeinert werden und also auch in gewisser Weise immer wieder neu verhandelt und modernisiert werden, behielten aber doch letzten Endes ihren ursprünglichen Sinn (hoffen die Exegeten jedenfalls). Gleichzeitig gilt für den Muslim die Unschuldvermutung und das Gebot der Milde: Eine Hand, die erst einmal ab ist, kann nicht wieder angeklebt werden – der Richter hat sich gegen Gott versündigt – eine Hand aber, die noch dran ist, kann im Jenseits bestraft werden.
    So wird eine gewisse Kohärenz gestiftet, die einen gesellschaftlichen Konsens konstruiert.

    Hieraus wieder ergibt sich auch der gesellschaftliche Bedeutungsverlust der Religion: Wir haben die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, wir haben eine funktionierende weltliche Rechtswissenschaft, wir haben natürlich auch eine funktionierende Naturwissenschaft – das, was früher schlicht „Philosophie“ genannt war, hat all das erklärt, was früher die Religion erklärt hat – ich will niemandem zu Nahe treten, aber die derzeitige Bedeutung der Religion, zumindest im „Westen“, ist doch lediglich ein Nachbeben kindlicher Indoktrination und kein Beweis für eine tatsächliche Bedeutung religiöser Bedeutungsmuster in der Moderne.

    _______

    So weit eine Theorie. 😉

  14. Ich hab da eine private Theorie zur Entstehung von Religion. Ich hoffe, das interessiert wen 🙂

    Jeder Organismus ist das subjektive Zentrum seiner Welt. Denn er kann immer nur Reize wahrnehmen, die aus der Welt (zufällig) genau in seine Richtung zielen. Jeder Organismus ist auch zunächst „allein“, da er nicht mit anderen kommunizieren kann.

    Das Erwachen der Intelligenz besteht zu wesentlichen Teilen darin, dass der Organismus mentale Modelle der Welt (inklusive sich selbst) bildet, die er auch „manipulieren“ kann. An diesem Punkt, kann der Organismus „Probleme durchdenken“ ohne vorerst wirklich handeln zu müssen. Er ist nicht mehr auf trial and error angewiesen.

    Aufgrund der Tatsache, dass er das Zentrum seiner Welt und allein ist, ist sein Weltmodell zunächst zwangsläufig egozentrisch und von dem geprägt, was ich physiologischen Solipsismus nenne. Mit dem Erwachen des (Ich-) Bewusstseins wird die Trennung von Ich und Umwelt ins Modell eingebaut.

    An diesem Punkt werden separate Verhaltensmodelle für externe Objekte benötigt. Am einfachsten ist es zunächst, einfach das Verhaltensmodell wichtigsten Bestandteils der Welt – das Selbstbild (Modell meiner selbst) – auf Objekte der Umwelt zu übertragen. Das ist dann praktisch schon Animismus. Der Animismus ist nach dieser Theorie keine Religion, die von irgendwem erdacht wurde, sondern eine praktisch zwangsläufige Weltanschauung, die sich aus unserer Entwicklungsgeschichte ergibt.

    Die Weiterentwicklungen der Religionen gehen vom Animismus zu Formen, die Aspekte der Umwelt zunehmend abstrahieren. Es hat dann nicht mehr jeder Baum seinen eigenen Geist, sondern ein bestimmter Part eines Pantheons ist für alle Bäume zuständig. Die zunehmende Abstraktion könnte ein Konstruktionsmerkmal des menschlichen Geistes sein, es findet sich in vielen Bereichen wieder. Monotheismus ist – von den personifizierten Religionen – die abstrakteste Form. Der Monotheismus hat sich global durchgesetzt, weil nur er es erlaubt, die Egozentrik mit dem immer noch – wenn auch schwach – physiologisch verankerten Solipsismus zu vereinen. Alternativ kann man auch annehmen, dass die enge Begrenztheit der uns heute zur Verfügung stehenden kommunikativen Kanäle immer noch solpsistische Aspekte von Weltmodellen bevorteilt.

    Man kann meiner Ansicht nach argumentieren, dass die „natürliche“ Entwicklung theistischer Religionen mit zunehmender Abstraktion eigentlich zu einem nicht humanoiden allozentrischen Gott gehen müsste (ein Schritt, den manche Gläubige tatsächlich zu vollziehen scheinen). Wir sind dann an einem Punkt, wo wir ein allumfassendes „Wesen“ der Dinge haben. Ich finde das der logische nächste Schritt dann Atheismus sein muss 🙂

    Ich glaube, dass alle Darlegungen des Artikels stimmig sind. Doch nach meinem obigen Modell wären die sozialen Kämpfe, die auf dem Boden der Religion ausgetragen werden, nicht die eigentlichen Ursachen für die grundsätzliche Gestaltung der Religion. Diese hat grundlegendere Ursachen. Diese sozialen Kämpfe wären jedoch für die konkrete Ausgestaltung ursächlich.

  15. Ich bin da eigentlich kein Freund von all zu linearen Theorien. Spätestens beim Wechsel zum Monotheismus sehe ich das Problem, daß sich Religionen mit nur einem Gott nur sehr selten beobachten lassen. Die drei großen monotheistischen Religionen stammen ja letztendlich aus einem gemeinsamen Ursprung und haben sich im Fall des Judentums durch die Vertreibung und die Verteilung über ganz Europa und Teile Asiens, im Fall von Christentum und Islam recht bald vor allem durch relativ aggressive Missionierung verbreitet.

  16. Pingback: Auch das noch! « Nacht des Herrn

  17. Pingback: Religion aus der atheistischen Perspektive: 2. Religion und Wissenschaft | workingmansdeath

  18. @Thorsten Beermann, all:

    Zur Religion hätte ich noch eines hinzufügen, es gibt auch – gerade bei diversen Ländern auf dem afrikanischen Kontinent – eine gegenseitige Befruchtung von Religion, die für die Betroffenen allerdings auch heute noch inquisitorisch-tödliche Folgen haben kann.

    Ich verweise auf ein Buch, dass mich schockiert hat, weil hier sich afrikanischer Vodoo, und evangelischer Missionierungsglaube, gegenseitig befruchtet haben. Mit der Folge, dass in Teilstaaten des afrikanischen Kontinents, die im Buch auch namhaft erwähnt werden, eine Hexenverfolgung existiert, die an die schlimmsten Zeiten der Hexenverfolgung in Europa erinnert – allerdings mit dem Unterschied – eben Religionsübergreifend.

    Das Buch ist von einer gebürtigen Nigerianerin geschrieben, die das Glück hatte in Österreich einen Ehemann zu finden, der sie nach Europa geholt hat – Der Titel des Buches ist „Hexenkind – Die wahre Geschichte einer Frau, die in Afrika als Hexe verfolgt wurde“ – Autorin eben die besagte „Hexe“ Joana Adesuwa Reiterer.

    Ihr eigener Vater verstieß sie – als sie noch Teenagerin war – als „Hexe“, und dies im Einfluss eines Voodo, der sich vom neu-evangelikalen Hexenglauben beeinflussen ließ.
    Vielleicht schreibt jemand – Thorsten Beermann vielleicht – auch einmal etwas zu dieser gegenseitigen „Befruchtung“ von Religionen, die, wie bereits erwähnt, auch heute noch – und zwar egal wo auf dieser Welt – furchtbare Folgen für die Betroffenen hat.
    Wissenschaftlich könnte man wohl auch von religiöser Koevolution sprechen? Oder? Es war doch schon immer so, dass die „alten“ Religionen Punkte der „neuen“ Religion aufnahmen, und umgekehrt – mit all den tragischen Folgen für die betroffenen Menschen.
    Das Beispiel der Hexenverfolgung in heutigen, diversen, afrikanischen Ländern ist nur ein hochaktuelles Beispiel einer solchen Koevolution, die leider immer noch existiert.

    Trauriger Gruß
    Bernie

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