Schluss mit Wachstum

Wir reden am Thema vorbei. Und zwar permanent. Dieser Eindruck entsteht am laufenden Band, wann immer ich mich dem Thema (Welt-)Wirtschaftskrise/Schuldenkrise/Eurokrise befasse. Egal ob man im linken, im konservativen oder im wirtschaftsliberalen Spektrum schaut, egal ob es um Europa oder die USA geht – man ist sich im Allgemeinen einig, dass es jetzt vor allem darum geht, das Wachstum wieder anzukurbeln und damit die Ökonomien aus dem Tal der Rezession zu ziehen.

Natürlich, die sekundenschnelle Spekulation mit Milliardenbeträgen müsste eingedämmt werden, vielleicht eine (staatliche) europäische Ratingagentur die Allmacht der eng mit der Privatwirtschaft verschlungenen Agenturen in den USA aufbrechen. So ganz einig ist man sich auch nicht, ob man jetzt sparen oder eine Art Marshallplan in Gang setzten soll, ob die Menschen noch weiter zurückstecken müssen oder ob nicht eigentlich der Konsum durch höhere Löhne anzuregen ist, ob die Reichen besonders besteuert werden sollen oder ob sich Leistung endlich wieder lohnen muss, aber in einer Perspektive stimmen fast alle überein: die Wirtschaft ist eine grundsätzlich gut laufende Maschine, die etwas ins Stottern gekommen ist, aber schon wieder anspringen wird, wenn man nur das Richtige tut.

Die Wahrheit könnte kaum weiter entfernt liegen, denn was immer getan wird, um die Wirtschaft anzuschieben: es löst nicht die tiefer liegenden systemimmanenten Probleme. Theoretisch mag es möglich sein, den Konsum noch einmal in Gang zu bringen und den großen Knall einige weitere Monate oder Jahre weiter aufzuschieben. Der nahezu nahtlose Übergang der Immobilien- in die Banken- und kurz darauf die Staatschulden- bzw. Staatsanleihenkrise macht aber selbst da wenig Hoffnung. Doch in einem Punkt hätten fast alle Experten sogar Recht: um das System noch einmal in Gang zu setzen, bräuchte es kräftiges Wachstum.

Exkurs: Das mengersche Monster

Um die Funktionsweise unseres aktuellen Wirtschaftssystems zu illustrieren, verwendete Prof. Dr. Claus Kernig in einer Vorlesung an der Universität Freiburg das Modell des mengerschen Würfels oder Quaders. Hier das Grundprinzip: normalerweise gilt bei geometrischen Figuren, dass die Größen in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen, in dem sich die Werte nicht zwingend linear, aber zumindest in die gleiche Richtung entwickeln. Nehmen wir als Beispiel den besagten Quader. Wenn die Kantenlängen vergrößert werden, steigen auch Oberfläche und Volumen. Wenn das Volumen steigt, müssen Oberfläche und Kantenlängen vergrößert werden usw.
Der österreichische Mathematiker Karl Menger brach dieses Gedankenmodell auf, indem er ein Loch in seinen Würfel bohrte, der jetzt plötzlich mehr Oberfläche hatte, während die Kantenlängen der Außenlinien sich nicht verändert und das Volumen sogar abgenommen hatte. Nach diesem Grundsatz wurden weitere Löcher in den Würfel gebohrt, womit theoretisch die Oberfläche gegen Unendlich strebt, das Volumen gegen Null, die Außenkanten sich aber nicht verändern. Man spricht in diesem Stadium auch vom „Mengerschen Schwamm“.

Für unser Wirtschaftssystem nehmen wir an, dass das Volumen die laufenden Kosten sind und die Oberfläche der Profit (geometrische Grundsätze spielen in diesem Modell keine Rolle, weshalb der Exponent nicht beachtet werden muss). Lange galt auch in der Wirtschaft, dass man mehr (Volumen) investieren muss, um mehr Profit (Oberfläche) zu erhalten.
Mit Beginn der Entwicklung zur kapitalistisch geprägten Marktwirtschaft (Karl Polanyis „The Great Transformation“ ist eine wunderbare Betrachtung dieser Entwicklung inklusive einer erstaunlich genauen Vorhersage bis in die heutige Zeit) wurde begonnen, „Löcher zu bohren“. Man begann also, den Profit nicht nur primär durch Vergrößerung der Produktionsmittel zu vergrößern, sondern durch das Senken der Kosten und die Verbesserung der Produktivität, wodurch Substanz (also nicht zuletzt Arbeitskräfte) abgebaut wurden bzw. werden konnten.
Theoretisch ist auch hier ein Streben des Profits gegen Unendlich denkbar, während die Kosten gegen Null streben (und wer sich schon einmal nahezu vollautomatisierte Produktion angeschaut hat, kann sich dieses Szenario in etwa vorstellen).

In der Praxis kommen beide Modelle an eine Grenze, nämlich dann, wenn die verbliebene Substanz zu schwach wird, um das Gebilde stabil zu behalten. Es gibt jedoch eine Ausnahme: solange das gesamte System wächst, also mehr Substanz insgesamt dazu kommt, als durch die Löcher heraus gebohrt wird, bleibt das Gebilde stabil.

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Wir befinden uns nun gerade an den Punkt, an dem das, in der Systemlogik, zu geringe Wachstum die immer neuen „Löcher“ nicht mehr kompensieren kann. Nicht nur das, bereits das Wachstum der letzten Jahre war im Prinzip reines Scheinwachstum. Das ist unter anderem daran zu erkennen, dass in Europa dem absoluten Wachstum der Wirtschaftsleistung ein Anstieg der öffentlichen Schulden im gleichen Umfang gegenüber steht. Das hat vor allem einen Grund.

Der Mark im Westen ist satt. Er ist nicht einfach nur satt, er ist hoffnungslos überfressen. Auch wenn mit aller Macht versucht wird, der Gesellschaft mehr Waren und Dienstleistungen in den Schlund zu drücken, ist es mehr als 30 Jahre des kontinuierlich steigenden Lebensstandards her, dass sich auch die Lebensqualität verbessert hat.
Die Märkte in den Schwellen- und Entwicklungsländern bieten theoretisch noch Wachstumspotenzial, praktisch dagegen wurde, um im Bild zu bleiben, das Wirtschaftssystem dort aber bereits als Schwamm aufgebaut und es müssten zunächst Löcher gestopft werden, um die Struktur überhaupt tragfähig zu machen. Das sollte man auch immer im Hinterkopf behalten, wenn etwa das Wachstum und die „Wirtschaftsmacht Chinas“ (man könnte auch jedes andere Schwellenland einsetzen) als Argument für die Notwendigkeit von Wachstum genannt werden. Die chinesische Wirtschaftskraft ist ohne „uns“ als Käufer keinen Pfifferling wert, weil das Land vielleicht viel und billig produzieren, der überwiegende Teil der Bevölkerung sich die Waren aber selbst nicht leisten kann. Autos kaufen keine Autos oder – in diesem Fall eher – überteuerte Lifestyle-Computer aus Fabriken mit astronomischen Selbstmordraten kaufen keine überteuerten Lifestyle-Computer.

Wenn das schon alles wäre…

Natürlich ist das nicht der einzige Faktor, der das Wachstum immer deutlicher an seine Grenzen stoßen lässt. Ein weiterer wäre die Tatsache, dass wir bereits aktuell die Ressourcen unseres Planeten ungefähr doppelt so schnell verbrauchen, wie die Erde sie regenerieren kann. Das trifft selbstverständlich nicht für fossile Energieträger zu, die wir in einem Tempo konsumieren, das in keinem vertretbaren Verhältnis zu ihrer Entstehungsdauer steht.
Gleichzeitig nimmt die Verschmutzung, die wir mit unserer Wirtschaft verursachen, immer bizarrere Formen an. Die hehren Klimaschutzziele etwa, die die wichtigsten Verschmutzer ohnehin nicht anerkennen, einige verfehlen und wieder andere durch den Kauf von inflationär auf den Markt geworfenen Klimazertifikaten zum Schein erfüllen, gleichen nicht mal ansatzweise die Steigerung des Ausstoßes aus.

Weitere Punkte sprechen gegen ein „weiter so“. Die Segnungen unseren Wirtschaftssystems waren, selbst zu dem Zeitpunkt, als die größte Gruppe in der Menschheitsgeschichte davon profitierte, nur auf vielleicht ein Drittel der Weltbevölkerung begrenzt, die ihren Wohlstand nicht zuletzt auf Kosten der übrigen Mehrheit erwirtschafteten.
Gleichzeitig profitiert selbst bei uns eine immer kleinere Gruppe von Menschen, während die Anzahl der Personen, die dem ständig steigenden Druck im Arbeitsleben nicht mehr gewachsen ist, immer weiter wächst und zudem immer weitere Teile des Bevölkerung entweder ganz vom Erwerbsleben ausgeschlossen ist oder von dem Ertrag ihrer Arbeit zwar überleben kann, mehr aber auch nicht.

Weniger ist mehr

Grundsätzlich ist diese Situation auch jedem klar. Aber wie bei „Des Kaisers neue Kleider“ traut sich niemand so recht, das Offensichtliche auszusprechen. Egal, ob es die „Konservativen“ sind, die vorgeben, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen und stur an einer vermeintlichen Rettung flickschustern oder der überwiegende Teil des linken Spektrums, der meint, wenn alle nur mehr von den Erträgen abbekommen und ausgeben können, würden wir schon wieder Fahrt aufnehmen. Das sind zwei Seiten derselben technokratischen Vertrauensseligkeit in den Fortschritt.

Die Wahrheit, die alle Fraktionen ihren Anhängern gerne noch nicht sagen möchte, ist, dass wir unseren Lebensstandard absenken werden müssen. Dabei geht es nicht darum, dass die Mehrheit den Gürtel enger schnallen soll, damit sich eine Minderheit einen Gürtel als Krokodilleder leisten kann, wie bisher. Es geht darum, dass wir insgesamt sehr viel weniger Güter zur Verfügung haben werden, wenn wir anfangen, nur noch in einem Umfang zu produzieren und zu verschmutzen, mit dem unser Planet umgehen kann. Dieser Verzicht wird besonders für uns in der ersten Welt spürbar, wenn die Ergebnisse dieser verträglichen Produktionsweise nicht nur in den Grenzen dieser ersten Welt gehalten werden sollen. Das ist nicht nur für eine Befriedung der Welt unerlässlich, sondern allein schon dadurch erzwungen, dass es gerade die Schwellen- und Entwicklungsländer sind, die den Anstieg des Ressourcenverbrauchs und der Verschmutzung verursachen, weil sie verständlicherweise nicht einsehen, warum ausgerechnet sie zurückstecken sollten.

Im Gegensatz zu vielen Maßnahmen der letzten Zeit ist eine Entwicklung in diese Richtung tatsächlich alternativlos, weil uns sonst unser Ökosystem auf der einen und unsere Gesellschaftsstrukturen auf der anderen Seite mittelfristig um die Ohren fliegen. Es mag noch nicht klar sein, wo genau die Tipping Points, also die Punkte, an denen die Systeme kollabieren (denn die Anpassungspotenziale von Systemen sind begrenzt), aber es dürfte eine relativ sichere Wette sein, dass wir von diesen Punkten nicht mehr all zu weit entfernt sind. Im Gegensatz zur grundsätzlichen Marschrichtung sind die Details aber selbstverständlich nicht „alternativlos“. Doch wie könnte sie aussehen, die nächste Transformation?

Planwirtschaft? Ja, bitte!

Die „Wiedereinbettung“ der Wirtschaft in den gesellschaftlichen Rahmen (Polanyi) oder anders formuliert, dass die Wirtschaft den Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht werden muss und nicht umgekehrt, ist eine „linke“ Kernforderung, die im Rahmen der Krise zwar auch von einigen „Konservativen“ und sogar „Liberalen“ entdeckt, aber in der Zwischenzeit scheinbar auch schon wieder vergessen wurde.
In unserem Fall bedeutet das aber vor allem, dass sich die Wirtschaft deutlich mehr an den objektiven Notwendigkeiten und Bedürfnissen, als an subjektiven (und oft künstlich erzeugten oder geförderten) Wünschen orientieren müsste. Und auch, wenn schon beim Begriff „Planwirtschaft“ sicher wieder Bilder von langen Schlangen vor Lebensmittelgeschäften in der DDR bis zum Gulag beschworen werden, wie wahrscheinlich erscheint es irgendjemandem, dass eine private, profitorientierte Wirtschaft, deren Köpfe selten weiter als bis zur nächsten Quartalsbilanz denken, diese Entwicklung ohne Druck und von sich aus einleiten?

Dabei geht es nicht mal um das „Einheitsauto“, den „Einheitsanzug“ und „Einheitsmenü des Tages“. Haltbarkeit etwa wäre eine Zauberformel. Wenn Waren so produziert würden, dass sie auf eine lange Haltbarkeit und Funktionstüchtigkeit konstruiert wären, statt durch geringe Haltbarkeit und Scheininnovationen darauf ausgelegt, dass sich der Kunde möglichst bald das nächste Stück kaufen will oder muss, wären wir einen großen Schritt weiter.

Verteilungsgerechtigkeit

Hier wären wir wieder in einem klassischen „linken“ Themenfeld, denn in einer derart reduzierten Wirtschaft wäre die (möglichst) gleichmäßige Verteilung nicht nur der Erträge, sondern vor allem auch der Arbeit selbst, eine der größten Herausforderungen.

Zugegeben, hier kommen wir nun langsam in einen fast utopischen Bereich. Der aufgrund seines Plädierens für eine antizyklische Wirtschaftspolitik gleichermaßen verehrte wie abgelehnte Ökonom John Maynard Keynes war der Ansicht, dass etwa zwei Generationen nach ihm die Menschen einen Lebensstandard erreicht haben würden, auf dem sie sich einrichten würde („Wirtschaftliche Aussichten für unsere Enkel“). Die antifeministische Soziologin Esther Vilar sah in einem solchen Stadium die einzige Chance, eine echte Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen zu schaffen („Das Ende der Dressur“). Der bereits angesprochene Polanyi nahm an, dass die Politik wieder das Primat übernehmen müsste, weil die die reine Markt-Logik die Gesellschaft zerstören würde (auch seiner Sicht in der ersten Hälfte der 1940er Jahre hatte er damit sogar zunächst Recht).
Walt Disney, zugegebenermaßen nicht unbedingt ein Paradebeispiel für Kommerz-Verweigerung, ließ Bär Balu im Dschungelbuch von den absoluten Notwendigkeiten, „The Bear Necessities“ singen, die zum Leben genügen.
Ein Leben, in dem jeder etwas beitragen kann und in dem die Bedürfnisse erfüllt werden. Was man darüber hinaus aus sich und seinem Leben macht, hängt von einem selbst ab, denn die ökonomische Sicherheit und vor allem die Zeit und die Freiheit dazu hätte man.

Und es ist vermutlich utopisch, dass sich unsere Gesellschaft tatsächlich so weit hinterfragt, dass sie tatsächliche Bedürfnisse von künstlichen Hypes zu unterscheiden lernt. Illusorisch, dass wir wirklich auf „immer mehr“ verzichten und stattdessen mit dem, was wir haben, zufrieden sein wollen.
Kaum zu leugnen ist aber, dass unser jetziger Weg immer weniger und für immer Weniger funktioniert. Ohnehin wird unser Ökosystem den Schnitt für uns irgendwann machen, wenn wir es nicht schaffen. Und je länger wir warten, umso schmerzhafter wird er werden.

Im Original veröffentlicht beim Spiegelfechter.

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Eine Antwort zu “Schluss mit Wachstum

  1. Pingback: Wachstum vs. Soziales oder das Ende des Geldes? – Serdargunes' Blog

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