Es tut mir leid

Ich wollte es nicht…wirklich nicht. Ich wollte zu der lächerlichen Posse um den zukünftigen Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff nichts schreiben und hatte mich gefreut, dass das Thema hier im Spiegelfechter bisher nicht aufgetaucht war. Allerdings war ich bis vor wenigen Tagen auch davon ausgegangen, dass sich das Thema in den nächsten Tagen verlaufen würde. Das hat sich mit den neuen Informationen über den Kredit bei des Baden-Württembergischen Landesbank, spätestens aber mit dem heute bekannt gewordenen Anruf Wulffs beim Chefredakteur einer großen „Zeitung“ erledigt. Wulff dürfte in seinem Amt kaum noch zu halten sein.

Dabei sah es erst so aus, als könnte er die Affäre ohne größere Schäden überstehen. Dazu hat sicher auch beigetragen, dass es bei ihm kaum etwas zu beschädigen gab. Er war halt da. Außerdem war niemand da, der ein echtes Interesse daran hatte, ihn loszuwerden. Die erstaunlich zurückhaltenden Oppositionsparteien haben selbst keinen geeigneten Kandidaten in Reserve. Die aktiven Köpfe werden alle für den kommenden Wahlkampf und die erhoffe Regierungsbeteiligung gebraucht. Vor allem bei SPD und Grünen dürfte man mittlerweile mehr als dankbar sein, dass der viel gelobte Joachim Gauck 2010 nicht gewählt wurde. Wenn man sich dessen Äußerungen zur Finanzkrise so anschaut, hätte das „linke Spektrum“ wohl nicht all zu viel Freude an ihm gehabt.

Auch in der Union gibt es im Moment kaum einen, der sich für den Posten empfehlen würde (was in der Merkel-Union vor allem bedeutet, dass er ihr gefährlich werden könnte und weggelobt werden muss). Allein Norbert Lammert, der als Präsident des Bundestages immer wieder durch seine überparteiliche und verfassungstreue Arbeitsweise auffällt (auch wenn er sich gerade beim Thema Wulff dieser Tage nicht mit Ruhm bekleckert hat), würde wohl in allen Parteien und über die politische Sphäre hinaus als geeignet angesehen. Ob Angela Merkel allerdings wirklich den Wunsch verspürt, dem streitbaren und kritischen Parteifreund eine noch prominentere Plattform zu bieten, ist eher zweifelhaft.
Deshalb sah es zunächst nach Glück im Unglück aus. Einige Monate später hätte es zum Beispiel zwei gescheiterte potenzielle SPD Kanzlerkandidaten gegeben, die eventuell noch Interesse an einem weiteren Amt vor ihrem Karriereende gehabt hätten, ganz zu schweigen von der möglichen Kandidatenschwemme nach der Bundestagswahl 2013.

Den Sack zu macht so auch nicht die Opposition und selbst die Medien jagen ihn nicht wirklich mit erbarmungsloser Härte. Wulff ganz allein gräbt sich immer tiefer, als hätte es das Negativbeispiel Guttenberg (und die Strategien, das Problem anzugehen gleichen sich nahezu aufs Haar) nie gegeben. Salamitaktik, Angriffe auf diejenigen, die das Fehlverhalten aufgedeckt haben und das Einfordern von Mitleid für eine unkomfortable Situation.
Sollte er vor dem heutigen Interview mit ARD und ZDF noch eine geringe Chance gehabt haben, mit den richtigen Worten im letzten Moment seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, dann dürfte hat er auch diese Möglichkeit verspielt haben.

Man kann davon ausgehen, dass hinter den Kulissen schon seit einigen Tagen parteienübergreifend nach einer Lösung gesucht wird, denn niemand hat aktuell wirklich ein Interesse daran, die Affäre hoch zu kochen. Auch Namen von Kandidaten kursieren bisher äußerst wenige und noch weniger realistische. Ein zweiter Anlauf von Joachim Gauck werden weder Union und FDP, die noch klarer eingestehen müssten, sich im ersten Anlauf geirrt zu haben, wollen noch SPD und Grüne, die mit diesem Bundespräsidenten leben müssten, und sicher nicht die Linke.
Die gesammelten gescheiterten Unionsministerpräsidenten wie Koch, Stoiber und Oettinger kommen genau so wenig in Frage wie die abgelegten rot-grünen Granden, von denen man sich gerade zu emanzipieren versucht. Bleiben Norbert Lammert und die SPD-Dauerkandidatin Gesine Schwan, die das Amt vermutlich nicht schlechter ausfüllen würden als ihre beiden Vorgänger.

Das übrigens ist vielleicht das wichtigste Ergebnis dieser Affäre, nach einem Bundespräsidenten Köhler, der nach Kritik beleidigt aus dem Schloss Bellevue gerauscht ist, jetzt als der zweite Bewohner in Folge, der vor Ende der Amtsperiode ausziehen dürfte. Vielleicht wäre die beste Lehre aus diesem Schlammassel, das Amt als Ganzes zu überdenken, sich zu fragen, wo die tatsächlichen verfasssungsrechtlichen Funktionen besser aufgehoben sein könnten.

Im Original veröffentlicht beim Spiegelfechter.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s