Das Eigentor

Ein Eigentor fällt, unabhängig von der Sportart, in den meisten Fällen dann, wenn jemand den Ball zurück spielt, im festen Vertrauen, dass ihn dort jemand annehmen oder wenigstens aufhalten wird. Durch diesen Irrtum macht die Gegenseite einen Punkt, für den sie nicht mal arbeiten musste. Allgemeiner und abstrakter gesagt kann man also behaupten, ein Eigentor entsteht dann, wenn man etwas in Erwartung einer ganz bestimmten Reaktion tut, bei deren Ausbleiben man sich mit der Handlung selbst in Schwierigkeiten bringt. Und damit wären wir auch schon bei der Frage des neuen Bundespräsidenten.

Als SPD und Grüne im Frühjahr 2010 den Kandidaten Joachim Gauck präsentierten, war das ein gelungener PR Coup. Mehr sollte es aber auch gar nicht sein. Beiden Parteien war durchaus klar, dass Schwarz-Gelb, die seinerzeit noch über eine komfortable Mehrheit in der Bundesversammlung verfügten, einen eigenen Kandidaten aufstellen und durchbringen würden.
Angela Merkel kam der Opposition, typisch für die Anfangsphase der aktuellen Bundesregierung, sogar noch entgegen, indem sie ihren (damals) letzten ernsthaften möglichen parteiinternen Konkurrenten, den niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff, nominierte und so gegen den Vorschlag von Rot-Grün noch kleinlicher und berechnender wirkte.

Wie es weiter ging, ist bekannt. In den ersten beiden Wahlgängen fiel Wulff durch. Im ersten wäre mit den Stimmen der Linken rechnerisch sogar die Wahl Gaucks möglich gewesen. Dass der sich selbst mit seinen fortgesetzten Attacken auf die Linke für die Partei unwählbar gemacht hat, vergaß man danach schnell im allgemeinen Wutgeheul.
Heute wissen wir allerdings auch, dass die peinliche Schlappe weder für die Regierung noch für die Opposition langfristige Folgen gehabt hätte. Im allgemeinen Chaos der ersten Monate war die beinahe missglückte Wahl nur eine Randnotiz für Schwarz-Gelb und auch SPD und Grüne konnten daraus keinen Profit schlagen.

Dabei hätte es bleiben können. Joachim Gauck verschwand danach nicht wieder komplett in der Versenkung und seine Aussagen zu den sozialen Systemen, Banken- und Kapitalismuskritik oder auch Sarrazin und der deutschen Ostgrenze dürften so manchen bei SPD und Grünen in den letzten zwei Jahren recht froh gestimmt haben, dass im Frühjahr 2010 das kleinere Übel gewählt worden war, zudem sich Christian Wulff etwa zum Thema Integration besonnener äußerte, als die übergroße Mehrheit seiner Partei und auch der SPD Führung.

Man kann nur mutmaßen, was sich die Spitzen von SPD und Grünen dabei gedacht haben mögen, den Namen Gauck auch dieses Mal wieder ins Spiel zu bringen. Vielleicht hatte sie ein gutes Jahr vor der Bundestagswahl auf einen ähnlichen Ausgang wie 2010 gehofft. Es ist auch schwer zu sagen, ob der Streit zwischen FDP und Union tatsächlich stattgefunden hat, oder nur ein Schaukampf war, um Angela Merkel als verantwortungsvolle Regentin zu zeigen, die lieber ihren Fehler von vor zwei Jahren eingesteht, als die Regierung mitten in der Krise platzen zu lassen.

Sicher ist, dass SPD und Grüne keine Chance hatte, den Kandidaten, den sie selbst einst ins Feld geführt haben, abzulehnen. Und genau so sicher ist, dass SPD und Grüne mit diesem Bundespräsidenten keinen Spaß haben werden, sollten sie auch nur ein Bruchteil von dem wahr machen wollen, was sie jetzt versprechen.

SPD und Grüne haben selbst für eine medienwirksame Gegenstimme bei allen Projekten gesorgt, die man von ihnen erwarten müsste. Gauck ist sehr konservativ und vor allem sehr wirtschaftsliberal. So sehr beides aus seiner persönlichen Biographie nachvollziehbar ist, so sehr steht es einen Kurswechsel in der Krisenbewältigungsstrategie entgegen. Und diese Gegenstimme kann zu allem Überfluss noch mit der Aura der moralischen Instanz des DDR- Widerständlers auftreten.

Mehr als SPD und Grüne werden unter diesem Bundespräsidenten nur die Linken leiden. Den ersten Proteststurm werden sie wohl bereits bei der Wahl ernten, wenn sie ihm, absolut folgerichtig, die Stimmen ihrer Fraktion verweigern. Aber auch für SPD und Grüne wird sich der scheinbare Coup von 2010 zum klassischen Eigentor entwickeln. Vielleicht sogar zum Super GAUck.

Im Original veröffentlicht beim Spiegelfechter.

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