Alles ist relativ

Da ist es wieder, das scheinbare Totschlagargument: „Wenn auch nur ein einziger Anschlag verhindert würde, nur ein einziges Leben gerettet, dann habe jede Maßnahme dazu ihre Berechtigung.“ Bundesinnenminister Friedrich sprach vor seiner Reise in die USA von einem „edlen Zweck“ den man den Amerikanern zugute halten müsse. Und auch in der allgemeinen Diskussion steht das Rettungs-Argument neben dem Klassiker „Wer nichts zu verbergen hat“, dem ich mich in den nächsten Tagen ausführlicher widmen möchte, an erster Stelle.
Nun musste das Innenministerium ohnehin schon von den zunächst vollmundig verkündeten fünf Terroranschlägen zurück rudern, die mit Hilfe der US-Spähprogramme angeblich verhindert worden wären. Wenn man dann noch die Sauerlandgruppe abzieht, bei der klassische Polizeiarbeit im Gegensatz zu Datentechnik eine weit größere Rolle gespielt haben dürfte, als es in der aktuellen Version verkauft werden soll.

Das alles spielt aber ohnehin kaum eine Rolle. Im Kampf gegen den Terrorismus scheint jede Verhältnismäßigkeit in den Hintergrund zu treten. Das ist teilweise auf einer psychologischen Ebene sogar verständlich, entzieht sich ein Terroranschlag doch schlicht dem individuellen Verständnishorizont der meisten Menschen, sowohl was die Vorstellung angeht, selbst eine solche Tat zu begehen, als auch die Vorstellung einer Gefahr, die komplett unvorhersehbar scheint. Das ist ohne Zweifel erschreckend. Und trotzdem ist es höchste Zeit, die Bedrohung mit anderen Gefahrenquellen in ein vernünftiges Verhältnis zu setzen.

Die Zahl der weltweiten Opfer terroristischer Attacken wirkt auf den ersten Blick erschreckend. Das Bundesamt für Statistik geht für das Jahr 2011 von 12.533 Toten aus. Allerdings finden die meisten dieser Vorfälle in Kriegs- oder Bürgerkriegsregionen statt und die Frage, wer dort Terroropfer ist und wer von legitimen militärischen Einheiten getötet wird, hängt vor allem davon ab, welche Fraktion gerade als „die Guten“ definiert wird. Zudem enthält die Statistik auch Anschläge krimineller Organisationen, die nicht in den politischen oder religiösen Terrorismus fallen, den wir unter diesem Begriff verstehen.
Anders sieht es in der westlichen Welt aus. Für das Jahr 2010 geht das Europäische Parlament von europaweit 7 Toten in Folge von Anschlägen aus, die meisten verübt durch separatistische regionale Gruppen. So dramatisch jeder dieser Fälle für die Menschen aus dem Umfeld ist, so sehr relativieren sich die Fälle im Vergleich mit anderen Todesursachen.

Im Straßenverkehr starben im letzten Jahr alleine in Deutschland gut 3600 Menschen. Die gewöhnliche Grippe fordert deutschlandweit pro Jahr konservativ geschätzt 15.000 bis 20.000 Todesopfer (andere Schätzungen gehen sogar vom Doppelten aus). Mediziner und die Deutsche Krebsgesellschaft gehen davon aus, dass landesweit pro Jahr zwischen 100.000 und 150.000 Personen an den Folgen des Tabakrauchens sterben, davon gut 3000 Menschen, die selbst nie geraucht haben.

Wenn ein Politiker auch nur laut an ein verschärftes Tempolimit denkt, bricht ein Sturm der Empörung über ihn herein. Sigmar Gabriel konnte das im Frühjahr am eigenen Leib erfahren. Eine Einschränkung bei Tabak-Konsum wird als unverzeihlicher Eingriff in die Lebensgewohnheiten wahrgenommen.
Gleichzeitig ist in der letzten Dekade die Wahrscheinlichkeit, in Europa oder den USA innerhalb eines Jahres durch einen Terroranschlag körperlich zu Schaden zu kommen, statistisch kaum mehr darstellbar – das gilt hierzulande zumindest für die deutschstämmige Mehrheitsgesellschaft. Die Gefahr, vom Blitz getroffen zu werden oder die Chance auf einen Lotto-Jackpot sind ungleich höher. Dennoch erscheint vielen hier jeder noch so drastische Eingriff in das Fernmelde- oder Briefgeheimnis oder schlicht die Privatsphäre von Millionen von Unbeteiligten als angemessen, ja eigentlich fast ein kleiner Preis für mehr (scheinbare) Sicherheit.
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 wird jede Kritik an den „Maßnahmen zur Terrorbekämpfung“, an noch so drastischen Eingriffen in Bürgerrechte und den horrenden Kosten – man überlege sich nur, wie viele Leben mit diesem Geld tatsächlich hätten gerettet oder verbessert werden können – mit dem Hinweis auf die Gefahr und den angeblichen Sicherheitsgewinn abgebügelt.

Es wird Zeit, dass wir als Gesellschaft wieder lernen, die Risiken richtig einzuordnen und „Nein!“ zu sagen, wenn Kosten, Nachteile und Risiken die Chancen einer Maßnahme nicht klar überwiegen. Noch ist die Zivilgesellschaft bei uns in dieser Frage nicht so weit zurück gedrängt wie in den USA, doch die eher zahmen Reaktionen auf die aktuellen Enthüllungen zeigen, wie weit die Entwicklung auch bei uns bereits fortgeschritten ist.
Das Leben ist nicht risikofrei, doch jeder Mensch lernt mit weit größeren Risiken zu leben und umzugehen. Deshalb ist vor allem ein nüchterner Blick auf die tatsächlichen Wahrscheinlichkeiten und Gefahren gefragt. Und dann kann das Ergebnis nur lauten, dass es sehr viel sinnvoller ist, am Zebrastreifen einmal mehr nach rechts und links zu schauen, als den Emailverkehr jedes Bundesbürgers zu durchleuchten.

Im Original veröffentlicht beim Spiegelfechter.

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