Alles nur Show?

Es gibt diesen wunderbaren Moment…im Oktober 2004 war Jon Stewart, Moderator der „Daily Show“ auf Comedy Central, Gast bei der mittlerweile eingestellten CNN-Sendung „Crossfire“. Konzept der Sendung war, konservative bis rechte Positionen auf liberale bzw. linke Ansichten prallen zu lassen. Illustriert wurde das auch durch die Moderatoren-Duos, von denen jeder eine Seite vertrat.
Im Laufe des Gesprächs warf Stewart seinen Gastgebern vor, eine politische Diskussion nur zu simulieren und gerade damit eine echte inhaltliche Auseinandersetzung unmöglich zu machen. Den Widerspruch des eingeschnappten „konservativen“ Moderators Tucker Carlson kontert Stewart mit den Worten: „Das hier ist Theater. Wie alt bist du? …und du trägst eine Fliege?“

Szenenwechsel: Im Jahr 2011 begann Spiegel Online mit regelmäßigen Kolumnen. Dabei stach besonders das Gegenteilpaar von Jan Fleischhauer für die konservative Seite und Jakob Augstein als Vertreter des linken Spektrums hervor, die im wöchentlichen Rhythmus mehr oder weniger aktuelle Ereignisse kommentieren und dabei teilweise auch auf die vorherige Veröffentlichung des jeweils anderen reagieren.

Augsteins Argumentation ist dabei in der Regel in sich schlüssig. Das bedeutet nicht unbedingt, dass sie immer gut ist – manchmal erinnert er an einen typischen Vertreter des linken Spektrums, der sich zu einem Thema äußert, mit dem er sich noch nicht all zu eingehend befasst hat oder zu wenig Zeit für eine tiefe Recherche hatte – aber Augstein bleibt glaubwürdig in dem Sinn, dass man sich vorstellen könnte, dieser Argumentationskette im Diskurs mit einem rational denkenden Menschen zu begegnen.
Das konnte man bei Jan Fleischhauer eher selten behaupten. Die Pointe nahezu jeder Ausgabe ist, oftmals egal welches Thema behandelt wird, dass am Ende die Linken (nicht notwendigerweise die gleichnamige Partei, sonder eher das politische Milieu) an sich, die 68er oder die Grünen an allem Schuld sind und sei es Gewalt von Rechts. Um an dieses Ziel zu kommen, nimmt der Autor von Büchern wie „Wie ich aus Versehen konservativ wurde“ jede noch so waghalsige argumentative Wendung in Kauf.

In den ersten Monaten war Fleischhauers schwarzer Kanal eine willkommene Möglichkeit, meinen Blutdruck ohne körperliche Anstrengung in die Höhe zu treiben und das Herz-Kreislauf-System in Schuss zu halten. Der Effekt nutze sich aber im Laufe der Zeit immer weiter ab, bis nur noch die Kommentarspalte Anlass zu Aufregung bot.
Bei der Kolumne selbst überwiegt mittlerweile eher der Zweifel, ob das alles tatsächlich ernst gemeint sein kann, bis zum Gefühl, dass Jan Fleischhauer als Ganzes vielleicht eine Kunstfigur sein könnte, mit der die so genannte „Neue Rechte“ als Karikatur einer politischen Ideologie vorgeführt wird, belegt durch die zahlreichen zustimmenden Kommentare. Ich warte wöchentlich auf die Auflösung der Geschichte.

Beide Kolumnisten sind allerdings Symptom des Problems, das Stewart anspricht. Statt einer echten inhaltlichen Debatte werden stereotype Positionen ausgetauscht, deren Ziel ohnehin von Beginn an feststeht. Das zieht sich auch durch große Teile der politischen Talksshows, in denen die ewig gleichen Gäste wie Aufziehpuppen ihr Programm abspulen.

Es liegt auf der einen Seite an den Medien aller Ebenen, ihren journalistischen Ethos wieder zu finden und nicht nur die Meldung zu liefern, sondern auch die Hintergründe beleuchten und sich die Zeit nehmen, die Vorgänge und die ablaufenden Mechanismen zu erklären. Genauso sind die Konsumenten der Medien in der Verantwortung, genau das einzufordern und sich genau so wenig mit den Schaukämpfen (man könnte auch von Spiegelfechtereien sprechen) abzufinden, wie mit den nicht weniger problematischen Gepflogenheiten in der Gegenöffentlichkeit alternativer Medien, die teilweise daran kranken, zu jedem Thema einen gegenteiligen Standpunkt vertreten zu wollen oder zu müssen und damit im Prinzip den selben Mechanismus bedienen, der eine sachliche Auseinandersetzung erschwert, indem einfache Erklärungen, Schuldzuweisungen und Antworten für komplexe Sachverhalte und Probleme angeboten werden.

Im Original veröffentlicht beim Spiegelfechter.

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