Viel Lärm um (fast) nichts…


Die Aufregung war gewaltig. Nicht nur die Medien waren aufgeschreckt – nein, auch die Leser empörten sich nahezu unisono. Worum es ging? Nein, natürlich nicht die neuesten Enthüllungen um die NSA Affäre. Es ging um den so genannten „Veggy-Tag“, den die Grünen vor rund vier Monaten in ihr aktuelles Bundestagswahlprogramm geschrieben hatten, allerdings schon seit Jahren befürworten. Auf freundliche Anregung der Springer-Blätter wurde das Ganze zur letzten Sau, die erfolgreich durchs Dorf getrieben wurde.

Davor war es ein durchgehendes Tempolimit von 130km/h auf den deutschen Autobahnen, das die Gemüter erregte. Und dann ist da ja noch die „Zigeunersauce“ und das Wort „Neger“ in Kinderbüchern der 50er Jahre, bei dem der Deutsche Geschichtsbewusstsein und Authentizität entdecken. Wer den Deutschen an Schnitzel, Auto, Zigarette oder Pippi Langstrumpf gehen will, dem gnade Gott.
Die Totalüberwachung aller Telekommunikation kommt dagegen nicht an, da werden auch die geradezu lächerlich stumpfen Vergeltungsaktionen britischer Behörden gegen die Redaktion des Guardian in London und David Miranda, den Lebensgefährte des Guardian-Journalisten Glenn Greenwald am londoner Flughafen, den Jörg Wellbrock gestern bereits an dieser Stelle kommentiert hat, nichts daran ändern.

Das ist ein Symptom und zwar nicht das einzige. Auf Nachrichten von Einkommensschere und sozialer Drift reagiert, wer es sich leisten kann, mit Distanzierung von „der Unterschicht“ und indem die eigenen Kinder mit Stundenplänen, die manchem Manager zur Ehre gereichen würden, auf Konkurrenzfähigkeit getrimmt werden.

Sicher, eigentlich weiß jeder von uns, dass wir weniger Fleisch essen sollten, nachhaltigere und langlebigere Konsumartikel bzw. auch einfach weniger Konsum brauchen, mehr auf sozialen Ausgleich bedacht sein sollten, wenn wir einen Zustand erreichen wollen, der nicht zwangsläufig zum Kollaps führt. Nur sagen soll es uns bitte niemand, wenn wir unser neues Handy auspacken oder die 2 Kilogramm Hähnchenflügel für 2,50€ in die Tiefkühltruhe packen. Eine Erfahrung, die ich vor rund zwei Jahren auch hier im Spiegelfechter machen konnte.

Wo aber bleiben Erkenntnis, Empörung und vor allem der Wille, etwas zu ändern? Wo ist der Drang, Alternativen zu suchen oder zu schaffen? Wir sitzen alle im gleichen Zug und wir alle wissen, dass die Gleise in den Abgrund führen. Statt aber zu versuchen, die Lok zum Stehen zu bringen oder wenigstens die Fahrt zu verlangsamen, streiten wir uns um die Fensterplätze.

Im Original veröffentlich beim Spiegelfechter.

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3 Antworten zu “Viel Lärm um (fast) nichts…

  1. Eine olle Kamelle mit dem Veggieday. Leider sind viele Blogger (ad sinistram, Kaffee bei mir. Duckhome usw.) auch auf en Zug gesprungen. Stefan Niggemeier hat auf seiner Webseite die Kampagne und ihr Verfallsdatum dokumentiert.

    Inhaltlich läßt sich über das Thema natürlich immer wieder streiten. Der freitag greift es auch hin und wieder mal auf. So dreht sich beim SF aktuell die Diskussion nicht um den Medienhype, sondern um „mein tägliches Fleisch“!

    Was den deutschen Spießer auf die Barrikaden bringt, sind wirklich Anlässe, wie Tempo 100, irgendwas mit Tieren, hohe Spritpreise, BVB-Spieleausfall und wenn die Lebensmittelsupermärkte samstags geschlossen haben.

  2. Ich sehe, dass ein Kommentator unter dem Label „küstennebel“ die Diskussion einseitig dominiert. Das gipfelt in der Aussage: „Adorno der arroganter Quacksalber interessiert mich einen Scheiss.“

    Und auch der berüchtigte Herr Karl darf so etwas schreiben: „Die von Jutta Ditfurth gegründete Ökologische Linke (ÖkonLinX) geht z.B. mit den Veganern gar nicht zimperlich um:
    “Laut dem Politikwissenschaftler Andreas Schulze nehme die Ökologische Linke für sich in Anspruch, als einzige Bewegung „wahre“ ökologische Politik zu betreiben und bezeichne „nahezu jegliche andere ökologische Richtung, vor allem den Veganismus“, als „Ökofaschismus“.
    (Wikipedia)“ wobei der CSU-Mann Schulze in seinem Buch „Kleinparteien in Deutschland. Aufstieg und Fall nicht-etablierter politischer Vereinigungen.“ Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden 2004. diese Behauptung aufstellt. Für Herrn Karl eine Sekundärquelle. Die Primärquelle ist nicht bekannt. Demnach reine Polemik.

    Es wundert mich sehr, was alles so beim SF durchgeht.

  3. Beim Spiegelfechter wird der Diskussion in der Regel sehr viel Freiheit gelassen und sehr wenige Grenzen gesetzt. Das hat natürlich Vor- und Nachteile.

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