Die neue publizistische Hegemonie?

Wer in den letzten sieben Tagen die Berichterstattung in den Medien verfolgt hat, kann sich eigentlich nur verwundert die Augen reiben. Zugegeben, auch vor der Wahl war der mediale Tenor relativ einseitig, wenn es darum ging, welche Parteien und Kandidaten sich kritische Fragen und allerlei „Enthüllungen“ gefallen lassen mussten, aber die Einmündigkeit der letzten Tage ist erstaunlich.

Hatte sich zumindest in den letzten Wochen vor der Wahl selbst unter der Mehrheit der Journalisten herumgesprochen, dass die Steuerpläne von SPD, Linken und Grünen einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung zu Erleichterungen verhelfen würden, die mit moderaten Erhöhungen bei Gut- und Spitzenverdienern refinanziert werden sollten, ist davon jetzt nichts mehr zu hören.
Stattdessen folgt die deutsche Medienlandschaft unisono der Lesart, die von der Union vorgegeben wurde: Die SPD (ersatzweise auch die Grünen) besteht auf Steuererhöhungen und werden sich auf keine Koalition einlassen, wenn man ihnen dort nicht entgegenkommt.
Ob die Verlagshäuser dabei der Strategie von CDU und CSU auf den Leim gehen, in ihren Normal-Modus zurückfallen, den sie in den Monaten vor der Wahl bereits gepflegt haben oder schon den Wahlkampf 2017 vorbereiten, muss jeder für sich entscheiden.

Allerdings ist diese Beobachtung keine Ausnahme. In sämtlichen großen Tages- und Wochenzeitungen sowie ihren Onlineausgaben durften sich Leitartikelschreiber in den letzten Tagen über die angebliche Schädlichkeit einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes auslassen. Gegenstimmen, die sich dafür aussprechen, dass die starken Schultern auch einen größeren Anteil der Belastung tragen sollen, kamen dabei nahezu nicht vor.
Gleichzeitig kriechen jetzt rechtzeitig vor den Koalitionsverhandlungen auch wieder diejenigen aus ihren Löchern, die doch noch hoffen, die Energiewende umkehren oder doch mindestens so verlangsamen zu können, dass die Betreiber konventioneller Kraftwerke von der Konkurrenz durch regenerative Energien abgeschirmt werden und so lange wie möglich so viel Profit wie möglich einstreichen können. Alternative Perspektiven zu dieser Interpretation suchte man zuletzt vergeblich.

Ein weiteres Beispiel wäre die Analyse des Wahlkampfes der Grünen, in der die Agenda-Generation über den angeblichen Linksruck der Partei beklagt und dabei zu keinem Moment Widerspruch befürchten muss.
All diesen Beispielen gemein ist, dass sich die Stammschreiber der Verlage nicht oder nur zum Teil selbst „die Finger schmutzig machen“, sondern die streng konservativen bzw. neoliberalen Akzenten durch Gastartikel gesetzt wurden, denen aber eben kein inhaltliches Gegengewicht gegenübergestellt wird.

Fast könnte man meinen, so mancher Lobbyist hofft, in der (scheinbaren?) Schwäche von SPD und, so konnte man den Eindruck haben, nicht zuletzt den Grünen die publizistische Hegemonie wiederzuerlangen. Ob ihnen das gelingt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob es den potenziellen Koalitionspartnern der Union bzw. der zukünftigen Opposition gelingt, noch inhaltliche Aspekte zu setzen oder ob sie sich von einer Allianz aus CDU, CSU und großen Teilen der deutschen Medienlandschaft vor sich her treiben lassen. Die Einzigen, die in der letzten Woche zumindest den Versuch gemacht haben, waren die Linken mit ihrem Vorstoß zum Mindestlohn. Ein eher zartes Pflänzchen…

Im Original veröffentlicht beim Spiegelfechter.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s