Gefangen in einem „fremden“ Land?

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Das Zusammentreffen von Menschen mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen im Strafvollzug ist ein durchaus brisantes Thema. Wo das Zusammenleben bereits in Freiheit nicht immer harmonisch und konfliktfrei abläuft, erfordern die beengten Verhältnisse in Justizvollzugsanstalten noch mehr Toleranz und Rücksichtnahme, da dort die Handlungsmöglichkeiten noch weiter eingeschränkt ist und die Chance, sich im Konfliktfall einfach aus dem Weg zu gehen, nicht besteht. Das Leben hinter Gittern stellt nicht nur einen Querschnitt des Gesellschaft da, sondern ist vor allem einen Blick auf die problematischen Randbereiche durch ein Brennglas. 

Die Wissenschaft neigt dazu, alles in Kategorien einteilen zu wollen und auf den ersten Blick ergibt es Sinn, eine Schublade für Muslime im Strafvollzug aufzumachen und die Religion als verbindendes Element zu betrachten. Dieser Ansatz war es auch, der zu der Studie „Junge Muslime im deutschen Strafvollzug“ geführt hat, die 2010 unter anderem eine mehrmonatige Feldforschung in der Justizvollzugsanstalt Adelsheim umfasste. Allerdings fällt es bei genauerem Hinsehen schwer, besondere Eigenschaften auszumachen, die bei allen oder wenigstens einem Großteil der Gruppenmitglieder zu beobachten sind.

Wie sind Muslime im Strafvollzug

Zunächst einmal teilen die Muslime, die in deutschen Gefängnissen einsitzen, viele Merkmale mit allen anderen Insassen. So berichtet der Großteil von einem Umfeld, das von Arbeitslosigkeit und Armut geprägt ist. Interessanterweise berichten viele, dass sie zuhause einen multiethnischen Freundeskreis haben, dem allerdings fast ausschließlich Menschen mit Migrationshintergrund angehören. Kontakte zur deutschen Mehrheitsgesellschaft sind die Ausnahme.
Die Meisten stammen aus bildungsfernen Elternhäusern und haben selbst keine erfolgreiche Schullaufbahn hinter sich. Von den Teilnehmern an der Untersuchung etwa verfügten 40% zu Beginn ihrer Haft über keinen Schulabschluss ebenso wie 40% ihrer Väter und die Hälfte der Mütter.
Erfahrungen mit Gewalt in der Erziehung und frühe Kontakte mit Alkohol und Drogen sind ebenfalls häufige biografische Konstanten, die sich bei allen Insassen unabhängig von nationaler oder kultureller Herkunft finden lassen.

 Welche Rolle spielt die Religion?

Der Satz „Wenn ich mich an die Gebote gehalten hätte, säße ich heute nicht hier“ war in den Gesprächen immer wieder zu hören. Allerdings können nur die Wenigsten von sich behaupten, in der Zeit vor ihrer Straffälligkeit ein besonders religiöses Leben geführt zu haben. Kaum einer berichtet über ein aktives Gemeindeleben und auch mit dem Befolgen der religiösen Pflichten war es bei den Meisten nicht all zu weit her.
Das setzt sich auch im Leben innerhalb der Justizvollzugsanstalt fort. Zwar ist der Islam durchaus ein identitätsstiftender Faktor und es wird gerne von sich behauptet, im Gefängnis zur Religion gefunden zu haben und damit ein neuer Mensch geworden zu sein. Das führt aber nicht dazu, dass das eigene Verhalten diesem Ideal konsequent angepasst wird.
Viele Justizvollzugsangestellte berichten, dass die Insassen zwar die Freiheiten, die ihnen das Praktizieren ihrer Religion bietet, gerne annehmen – etwa die zusätzliche Zeit außerhalb der Zellen währen der Gebete oder das Privileg einer besonderen Verpflegung – aber die Einhaltung der damit eigentlich einhergehenden Pflichten nicht all zu ernst nehmen. Unter den Teilnehmern der Studie etwa beteten nur 40% regelmäßig. Ebenso viele wollten versuchen die Fastenzeit einhalten. Die angebotenen Sprechstunden mit einem muslimischen Geistlichen wurden sogar nur von 10% der teilnehmenden Insassen besucht.
Diese Beobachtungen decken sich auch mit Forschungen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) von Prof. Dr. Christian Pfeiffer, der 2010 in einer Befragung feststellte, dass sich zwar große Teile der muslimischen Jugendlichen selbst als religiös bis sehr religiös einordnet, die tatsächliche Praxis aber weit dahinter zurück bleibt.
Insgesamt drängt sich dabei der Eindruck auf, dass Religion für viele Insassen vor allem ein Mittel ist, um einige kleine Extras im Gefängnisalltag beanspruchen zu können. „Kleine Siege sind hier drinnen wichtig“, bestätigt etwa einer der Teilnehmer.

Auch als Faktor für eine Gruppenidentität spielt der Islam eine überraschend kleine Rolle. Wichtigere Faktoren scheinen die Nationalität bzw. das Herkunftsland der Familie zu sein, woraus sich nicht zuletzt auch Sprachbarrieren ergeben. So können sich Insassen türkischer und kurdischer Abstammung in der Regel noch gut miteinander verständigen, während bei arabischstämmigen Insassen und Muslimen aus Nordafrika in der Regel bereits auf Deutsch als gemeinsame Zweitsprache zurückgegriffen werden muss. Lediglich die Gruppe der „Russen“ scheint sich tatsächlich vor allem aufgrund der gemeinsamen Nationalität bzw. Herkunft aneinander zu binden und hat dabei auch die ausgeprägtesten Strukturen mit strengen, jederzeit einzuhaltenden, Regeln geschaffen.
Noch wichtiger, so erzählen die Teilnehmer an der Studie unisono, ist aber der Wohnort in Deutschland, der Häftlinge jenseits von religiöser Zugehörigkeit und Nationalität verbindet. So wären frühere Kontakte und gemeinsame Bekannte zuhause ein wichtiger Anknüpfungspunkt, zumal der Großteil der Teilnehmer davon ausging, nach dem Absitzen ihrer Strafe in ihr altes Umfeld zurück zu kehren.
Der wichtigste Maßstab für den Status unter den Insassen ist ohnehin die verübte Straftat. Je gewalttätiger das Delikt war oder je mehr dabei erbeutet wurde, desto höher ist der Täter in der internen Rangfolge angesiedelt.

Der Umgang mit dem Islam im Strafvollzug

Der Umgang mit Muslimen erfordert eine gewisse Sensibilität von den Strafvollzugsanstalten. Besonders die Angestellten, die direkt mit den Insassen in Kontakt kommen, sollten so geschult seit, dass sie im täglichen Umgang keine unnötigen Konflikte herauf beschwören, etwa bei der Handhabung von Gebetszeiten oder religiösen Utensilien. Nachdem vor allem die Häftlinge keine Möglichkeit haben, den Umgang mit dem Vollzugspersonal zu vermeiden und ihre Privatsphäre zu erhalten, sind sie auf die Rücksichtnahme der Vollzugsbeamten angewiesen.
Die Anstalten selbst sollten sich bemühen, ihren muslimischen Insassen ein gleichwertiges Betreuungsangebot zu machen, wie den christlichen Häftlingen. Während sowohl ein katholischer und ein protestantischer Priester in der Regel zum fest angestellten Stammpersonal gehören, arbeiten muslimische Geistliche in der Regel nur stundenweise in den Einrichtungen.

Gleichzeitig muss allerdings auch darauf geachtet werden, wer die seelsorgerischen Tätigkeiten übernimmt. Dr. Wolfgang Stelly, Kriminologe in der JVA Adelsheim, wie etwa darauf hin, dass die Geistlichen, zumeist Hodscha, von privaten zumeist türkischen religiösen Vereinen gestellt würde, oft schon nach kurzer Zeit wieder in die Türkei abberufen werden und über nahezu keine deutschen Sprachkenntnisse verfügen.
Bei einem erweiterten Angebot wäre also darauf zu achten, nach Möglichkeit in Deutschland ausgebildete Geistliche anzuwerben, die sich mit anderen Betreuern innerhalb des Systems verständigen können, um so gemeinsam auf das Vollzugsziel, ein Leben innerhalb der Gesellschaft ohne weitere Straffälligkeit, hinarbeiten zu können. Nicht zuletzt wäre so auch sichergestellt, dass sich um Vertreter eine gemäßigten Islam handelt, die extremistischen Ansichten, etwa dem unter den jungen Insassen stark verbreiteten Antisemitismus, Paroli bieten.
Nicht zuletzt sollte man aber nicht dem Klischee erliegen, dass jede Person auf einem religiös geprägten Herkunftsland selbst gläubig sein muss, speziell in der zweiten und dritten Generation. Eine umfassende Betreuung durch Therapeuten und Sozialarbeiter ist mindestens so wichtig, wie ein seelsorgerisches Angebot.

Welches Potenzial hat Religion für den Strafvollzug?

Wie ist es nun um das Potenzial von Religion als positives Element beim Erreichen des Vollzugsziels bestellt? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Eine optimistische Perspektive könnte annehmen, dass die Insassen, besonders im Jugendstrafvollzug, durch religiöse Gebote auf einen besseren Weg gebracht werden und von weiterer Straffälligkeit abgehalten werden können.
Dagegen spricht aber die Beobachtung, dass die Insassen sich vor ihrer Haftstrafe nicht an diese Gebote gehalten haben, obwohl nicht Wenige aus einem religiösen Umfeld stammen, und auch die bestehenden Angebote im Strafvollzug nur wenig genutzt werden. Das vielleicht entscheidende Element ist, dass darüber hinaus die meisten der Häftlinge selbst davon ausgehen, nach dem Verbüßen ihrer Strafe wieder in ihr alten Umfeld zurück zu kehren, womit die seelsorgerische Betreuung gerade in dem kritischen Moment aufhört, in dem die Wiedereingliederung in die Gesellschaft beginnt und die Grundlagen auf dem Weg in ein Leben ohne Kriminalität gelegt werden müssten.

 Prävention

Der sicherste Weg, ein Abgleiten in die Kriminalität zu verhindern, ist eine gelungene Integration in die Gesellschaft und eine stabile Zukunftsperspektive. Der entscheidende Baustein dafür ist Bildung mit entsprechenden Abschlüssen, die weitere Wahlmöglichkeiten im Leben eröffnet. Die Statistiken sprechen  dabei eine klare Sprache: Je höher der Bildungsabschluss, desto unwahrscheinlicher ist eine spätere Straffälligkeit und je besser ist in der Regel die Integration und der Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft.

Im Orginal Veröffentlicht unter:
“Yabanci” Bir Ülkede Mahkumiyet (Gefangen in der “Fremde”)
in: Perspektif, Jahrgang 20, Ausgabe 228, S. 32-33. (Februar 2014)

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