Der alte Mann versinkt im Meer der Bedeutungslosigkeit

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán besucht Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl in seinem Privathaus in Oggersheim. Das müsste keine Nachricht sein, wenn Orbán nicht ein Symbol für den Rechtsruck in vielen osteuropäischen Staaten wäre und sich mit seinen Gesetzen, etwa gegen die Unabhängigkeit der Justiz oder gegen die Pressefreiheit, immer weiter der Grenze zur Diktatur annähern würde.

Nun sind Orbáns Motive für dieses Treffen nicht all zu schwer zu erraten. In Mittel- und West-Europa ist der Rechtsaußen nicht mehr all zu beliebt. Vor allem Vertreter ähnlich extremistischer Parteien lassen sich noch gerne mit ihm sehen, etwa der AfD oder der österreichischen FPÖ und dann ist da natürlich noch Horst Seehofer von der CSU. Da dürfte eine Audienz beim „Kanzler der Einheit“ durchaus willkommen sein, zumal sich auch Kohl zuletzt kritisch zur Flüchtlingspolitik der aktuellen deutschen Regierung geäußert hatte. Auch das macht ihn zu einem brauchbaren Zeugen für Orbán, der für weitere Verschärfungen der Flüchtlings- und Asylregelungen eintritt und eine Verteilung der Geflüchteten auch auf Ungarn verhindern will.

Doch warum lässt sich Helmut Kohl auf dieses Schauspiel ein? Das Ganze wirkt wie ein verzweifeltes Ringen um ein wenig Bedeutung. Die Rolle des Elder Statesman, wie sie sein Vorgänger Helmut Schmidt in den letzten Jahren seines Lebens für sich beanspruchen konnte, blieb Kohl nach dem Bekanntwerden der Parteispendenaffäre verwehrt. Zwar gab es noch immer hier und da Versuche alter Getreuer, ihm Preise und Ehrungen zukommen zu lassen und auch die obligatorischen Vorschläge für den Friedensnobelpreis blieben nicht aus, wirkten aber eher verzweifelt als seriös.
Nicht ganz unwichtig wohl auch, dass Orbán selbst ihm mit der Millenniums-Medaille im Jahr 2000 einen dieser wenigen Momente im Scheinwerferlicht bescherte, just als sich seine Partei in der Heimat unter der neuen Vorsitzenden Angela Merkel von ihm zu emanzipieren versuchte.

Gleichzeitig beraubt er sich hier aber der letzten Reste inhaltlicher Glaubwürdigkeit. Der Bundeskanzler Helmut Kohl stand nie für nennenswerte Inhalte. Erinnert sich noch jemand an die „geistig moralische Wende“, die Kohl in den frühen 1980er Jahren einforderte oder gar an spürbare Konsequenzen dieser Floskel?
Aber wenn es etwas gab, für das der Politiker Helmut Kohl stand, dann war es Europa. Er bemühte sich darum die alten Gräben zwischen den Weltkriegsgegnern zu überwinden und stellte nicht selten die deutschen Interessen hinten an, wenn sich dafür ein Hindernis bei der Vertiefung einer europäischen Einigung aus dem Weg räumen ließ.
Das ist auch die Sollbruchstelle, an der sich Kohl mit seiner Verbindung zu Orbán unglaubwürdig macht, denn der Ungar steht für einen völkischen Nationalismus, der das Projekt Europa zurück drehen möchte – freilich ohne deswegen auf die Zuwendungen aus Brüssel zu verzichten.

Folgen wird dieses Treffen kaum haben. Allenfalls innenpolitisch mag Orbán versuchen, sich in eine Reihe mit dem „großen Europäer“ Kohl zu stellen und dabei das Knirschen im Gebälk seiner Regierung kurzfristig zu übertönen. Es wird aber kaum lange dauern, bis er sich wieder einen neuen innen- oder außenpolitischen Feind suchen muss, der als Sündenbock herhält.
Kohl selbst wird morgen vielleicht sogar noch etwas tiefer im Meer der Bedeutungslosigkeit versinken, in das er sich und seine Karriere, die ohnehin nur einen einsamen Höhepunkt umfasst, durch sein Verhalten in den ersten Jahren nach der Abwahl selbst gestürzt hat. Mitleid dafür ist nach dem heutigen Tag noch ein kleines Bisschen unnötiger geworden.

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