Verzinst noch mal

Die Zinsen sind niedrig. Das ist ein Fakt in der Euro-Zone, aber auch in einem großen Teil der restlichen Industrienationen und das hat Folgen. Einerseits kann man sich so günstig wie selten verschulden, gleichzeitig bekommen Anleger nur noch für risikoreiche Investments nennenswerte Renditen. „Kalte Enteignung“ ist ein Schlagwort, das nicht nur rechts der Mitte immer mehr Anhänger findet. Die Europäische Zentralbank nehme den deutschen Sparer aus, um die Krisenländer zu stützen. Aber ist das so?

1. Es gibt in der EZB nicht den einen Leitzins
Die EZB hat zwei wichtige Leitzinsen. Das eine ist der Einlagesatz, zu dem Banken Geld bei der EZB deponieren können. Dieser Zinssatz ist mit -0,4 % aktuell sogar negativ. Damit soll verhindert werden, dass die Banken die Einlagen ihrer Kunden, für die sie derzeit keine Anlagemöglichkeit sehen, bei der EZB parken und sie so dazu anregen, das Geld zu investieren. Dieser Aspekt wird später noch wichtig werden.
Als zweiten wichtigen Wert gibt es den Hauptrefinanzierungssatz. Dieser sagt aus, zu welchem Kurs sich die Banken bei der Zentralbank langfristiges Fremdkapital beschaffen können, um damit zum Beispiel Kredite an ihre Kunden zu vergeben. Momentan liegt dieser Satz bei 0.0 %. Wenn es in der Berichterstattung um „den Leitzins“ geht, werden diese beiden Werte oft durcheinander bzw. zusammen geworfen.
Daneben existiert noch der Spitzenrefinanzierungssatz von Stand heute 0,25%, zu dem sich Banken sehr kurzfristig (buchstäblich über Nacht) mit Geld versorgen können. Dieser Zinssatz ist am ehesten mit dem Dispokredit zu vergleichen und nur dafür gedacht, kurze Belastungsspitzen abzufangen, ohne dafür langfristige Kredite aufnehmen zu müssen.
Wichtig ist aber, dass zunächst keiner dieser Werte einen direkten Einfluss darauf hat, in welcher Höhe ein Kunde Zinsen bei seiner Bank bekommt oder an sie zahlt. Es gibt keine Regel oder gar ein Gesetz, das besagen würde, dass ein Einlage- oder Kreditzinsen für den Kunden X,X % über oder unter dem Leitzins zu liegen haben. Tatsächlich haben sich die Zinsen auch im Verhältnis zum Leitzins unterschiedlich entwickelt. Während der Kunde für Guthaben höchstens bei sehr langen Laufzeiten überhaupt noch Zinsen erhält, wurden die Soll-Zinsen nicht ansatzweise im gleichen Maß abgesenkt, wie der Refinanzierungssatz der Banken. Das ist auch durchaus logisch, denn zunächst arbeiten Banken ja primär mit den Einlagen ihrer Kunden. Und genau so nachvollziehbar ist, dass sich mit langfristig angelegtem Geld sehr viel besser wirtschaften und planen lässt.

2. Zinsen sind kein Menschenrecht
Dieser Satz klingt so einfach und doch wird er gerade in der deutschen Diskussion immer wieder vergessen, weil es der deutschen Erfahrung des Sparens in den vergangenen Jahrzehnten widerspricht (und das kollektive Gedächtnis nicht all zu weit zurück reicht). Tatsache ist aber: Ein Zins ist der Preis für verliehenes Geld, der aber eben auch nur dann zustande kommt, wenn es jemanden gibt, der dieses Geld leihen möchte und bereit ist, dafür diesen Preis zu zahlen.
Ohne Nachfrage nach Krediten gibt es keine Zinsen. Und genau darin liegt der Grund für die Politik der EZB. Man kann und – in meinen Augen – sollte das dahinter stehenden Dogma der Notwendigkeit des Wachstums kritisieren, aber zunächst ist es logisch, den Preis für Geld immer weiter zu senken, bis sich wieder eine Nachfrage ergibt. Nur…

3. Das billige Geld kommt in der Realwirtschaft kaum an
Ein Unternehmen nimmt, rationales Handeln vorausgesetzt und vor kurzfristigen Überbrückungen abgesehen, nur dann einen Kredit auf, wenn es sich von der damit getätigten Investition einen Gewinn verspricht, der über den zu zahlenden Zinsen liegt. Genau das passiert aktuell kaum. Die Nettoinvestitionsquote lag 2015 in Deutschland bei 1,3 % des BIP, dem zweiniedrigsten Wert sein 1990 (nur im Jahr 2009 lag dieser Wert mit – 0,3 % noch niedriger).
Stattdessen werden andere Anlagemöglichkeiten gesucht. So ist der Immobilienmarkt vielerorts so aufgeheizt, dass sich der Kauf von Häusern und Wohnungen selbst mit den gesunkenen Zinsen für Kredite oft nicht mehr lohnt.
Geld für den Konsum aufzunehmen ist zwar möglich, zieht aber den Erwerb nur vor. Der Betrag (plus i.d.R. Zinsen) steht in der Abzahl-Phase nicht mehr zur Verfügung. Wirtschaftlich sinnvoll wäre das auch nur dann, wenn der Kauf ohnehin auf Kredit erfolgt wäre und die Zinslast zum jetzigen Zeitpunkt (trotz möglicher Ansparphase für eine Anzahlung bei einem Kauf in der Zukunft) niedriger wäre.

4. Zu viel freies Kapital entwertet sich selbst
Auf dem Kapitalmarkt trifft dieses billige Geld die Erlöse aus dem Aufkaufen von Staatsanleihen (in der Hoffnung die Anleger zum Kauf neuer Staatsanleihen anzuregen) und nicht zuletzt auch auf die Beiträge zu privaten Rentenversicherungen, wie Riester-Verträgen und Co, die seit den Reformen der frühen 2000er Jahre nicht in die gesetzliche Sozialversicherung, sondern auf eben diesen Kapitalmarkt geleitet wird.
Genau dieses Überangebot an Kapital senkt die Renditen aber weiter. Wer sich Geld leihen will, kann das (eine günstige Risikoeinschätzung vorausgesetzt) sehr viel preiswerter tun, als noch vor kurzer Zeit. Deshalb – und nur deshalb – scheint für Deutschland aktuell ein ausgeglichener Haushalt in Reichweite zu sein (die berühmte „schwarze Null“). Die Zinsen für deutsche Staatsanleihen sind so niedrig (zum Teil gar im negativen Bereich), dass die Bundesrepublik ihre Schulden sehr viel günstiger refinanzieren kann. Das merkt auch der private Anleger, wenn er sich die Rendite seiner Lebensversicherungen etc. anschaut.
Und je mehr freies Kapital auf dem Markt nach einer Anlage sucht, desto mehr bestimmen die Kreditnehmer die Konditionen, gerade dann, wenn sie als sichere Zahler gelten.

5. Sollen sie doch Kuchen essen – äh, Aktien kaufen
Ratschläge, wie den niedrigen Renditen zu entkommen wäre, laufen zuverlässig in die selbe Richtung: Mehr Risiko. Zuletzt war in fast allen großen deutschen Medien zu lesen, die Deutschen sollten doch endlich ihre Scheu vor Aktien überwinden.
Das klingt gut, aber viele Menschen können und wollen kein größeres Risiko eingehen. Es geht nicht um etwas Spielgeld oder zumindest frei verfügbares Kapital – es geht um ihre Altersvorsorge und sie können es sicht nicht leisten, etwas davon zu verlieren – sie haben bereits jetzt zu wenig.

Wie geht es weiter?
Das ist die entscheidende Frage. Selbst, wenn man die Idee der Notwendigkeit von Wachstum für einen Moment akzeptiert, hat die Niedrigzinspolitik dieses Ziel bisher nicht erreicht. Weder bei der Wirtschaft in Form von Investitionen, noch bei den Verbrauchern in Form von Konsum wurde in größerem Maß Wachstum angeregt, obwohl die Leitzinsen immer weiter gesenkt wurden.
Eine Abkehr ist aktuell kaum zu erwarten. Das macht nicht nur den Menschen im Land, sondern auch Banken und Versicherungen zu schaffen, deren Geschäftsmodell darauf beruht, einen Teil der Rendite ihrer Anleger einzubehalten. Schon heute denken eine Reihe von Geldhäusern darüber nach, ihre Grundgebühren zu erhöhen oder nehmen Entgelte für jede Einzelleistung. Auch Negativzinsen sind im Gespräch.

Aber auch eine Politik der steigenden Zinsen würde nicht zwingend zu besseren Bedingungen für Anleger führen. Zum einen würden die Soll-Zinsen vermutlich deutlich schneller und stärker angehoben als die Haben-Zinsen und auch davon wären Menschen in unserer Gesellschaft betroffen. Vor allem aber würde das zunächst wenig an dem vielen Kapital ändern, für das lohnende Anlagemöglichkeiten gesucht werden.

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