Mit Pauken und Trumpeten

Ist das undenkbare passiert? Eigentlich nicht, denn wer in den letzten Wochen und Monaten Augen und Ohren offen gehalten hat, musste davon ausgehen, dass es beim Rennen um das Weiße Haus knapp werden könnte. Zu sehr hatten sich die Trump-Fans auf ihre Wahl festgelegt und waren entschlossen, sämtliche Skandale und Unstimmigkeiten zu ignorieren.
Vielleicht noch wichtiger ist aber, dass auf der Seite der Demokraten jede Begeisterung fehlte. Kaum jemand schien aus Überzeugung für Hillary Clinton stimmen oder gar eintreten zu wollen. Mehr als das kleinere Übel vermochte in ihre niemand zu sehen. Das aber ist kein guter Motivator, um Wähler an die Urnen zu treiben. Der vor einigen Wochen schon sicher geglaubte Sieg der Demokratin fiel damit ins Wasser.

Für die liberale Hälfte der Bevölkerung brechen nun harte Jahre an. Trump wird in das Weiße Haus einziehen, die Republikaner halten für mindestens zwei Jahre die Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments und werden durch den noch zu nominierenden neunten Richter die Kräfteverhältnisse am Obersten Bundesgericht zu ihren Gunsten verschieben.
Selbst wenn Trump vieles im Wahlkampf nicht aus Überzeugung gesagt haben sollte (und früherer Aussagen machen das bei verschiedenen Themen wahrscheinlich), werden Wähler und Parteifreunde jetzt von ihm erwarten, dass erseinen Ankündigungen Taten folgen lässt und die Uhr zurück zu dreht. Die allgemeine Krankenversicherung, Ehe für alle, Klimaschutzabkommen – das Ziel der Republikaner wird es sein, Obamas zwei Legislaturperioden in den Geschichtsbüchern der Zukunft auf die Bemerkung zu reduzieren, dass er der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten war.

Die Chancen dafür stehen gut, doch die Probleme werden dort anfangen, wo Trump und seine Partei nicht nur sagen können, was sie alles nicht (mehr) wollen, sondern auch ihre eigenen Ideen darlegen müssen. Ob Trump dann seinen „großartigen Plan“ für die Gesundheitsreform oder für das Leben, das Universum und den ganzen Rest tatsächlich im Detail erläutern kann, darf bezweifelt werden. Die USA erwarten mindestens vier verlorene Jahre.
Eventuell aber könnte diese Entscheidung langfristig sogar tatsächlich das kleinere Übel gewesen sein. Nicht etwa, weil hier der bessere oder weniger gefährliche Kandidat gewonnen hätte. Es gab in der Geschichte des Landes vielleicht keinen besser vorbereiteten Kandidaten als Hillary Clinton und auch wenn sie nicht auf die pazifistische Geschichte eines Bernie Sanders zurückblicken kann, ist sie lange nicht der Falke, als den man sie darzustellen versucht (ganz abgesehen davon, dass man schon sehr viele Aussagen ignorieren muss, um Trump zum friedfertigeren Kandidaten zu küren).

Nein, der Hintergrund ist ein anderer: Diese Welle des Hasses auf das so genannte Establishment, dieser Rassismus und mal mehr, mal weniger latenter Antisemitismus, Sexismus usw. hätte sich früher oder später Bahn gebrochen. Das Glück im Unglück könnte sein, dass Trump kein charismatischer, intelligenter Demagoge mit einem Plan ist, wie er die Gesellschaft umbauen will. Er ist ein Windbeutel, mit einer gewissen Bauernschläue ausgestattet, dessen geschäftliche Erfolge zum einen weit übertrieben sein dürften und zum anderen vor allem daraus bestehen, seinen Namen zu vermarkten und statt seines eigenen Vermögens das Geld anderer Menschen in den Sand zu setzen. Ob er nun Wege suchen wird, sich, seiner Familie und Vertrauen noch mehr Reichtum und wichtige Positionen zuzuschanzen oder die Präsidentschaft als ultimative Trophäe auf dem Kaminsims für die Befriedigung seines Egos braucht, das Ausmaß an extremen Schäden könnte sich, so die Hoffnung, in Grenzen halten.

Hätte Trump die Wahl verloren, wäre die Gefahr eines neuen Populisten ohne äußere Makel und peinliche Ausrutscher, dafür aber mit einer Liste an konkreten Maßnahmen gegen Minderheiten, Aufklärung und Fortschritt im Gepäck, der bei der Wahl 2010 oder 2024 Antritt, groß gewesen. Trump hat nun mindestens vier Jahre Zeit, seine Fans zu enttäuschen, weil seine Versprechen kaum umsetzbar sind und selbst wenn nicht das imaginierte Amerika der 50er Jahre zurück bringen (das auch nie so war, wie es sich seine Fans heute vorstellen). Mit etwas Glück stehen seine Anhänger diesem nächsten Demagogen desillusionierter und misstrauischer gegenüber und folgt nicht dem Rattenfänger mit einer Agenda. Zugegeben, das ist nicht viel, aber es ist alles, was wir im Moment haben.

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