Schluss mit Wachstum Teil 2 – Wachstum ohne Ressourcenverbrauch und Verschmutzung?

Dieser Artikel ist eine Fortsetzung eines Textes aus dem Jahr 2011. Der ursprüngliche Kommentar hat sich mit dem Dilemma unseres Wirtschaftssystems befasst, in dem Innovation und Steigerung der Produktivität des einzelnen Akteurs zu ständigem Wachstum zwingen, da sonst die Wirtschaftssubstanz und nicht zuletzt die Möglichkeit, einen Lebensunterhalt durch Erwerbstätigkeit zu bestreiten, immer weiter abnehmen würde. In der Schlussfolgerung geht es darum, dass wir unser Wirtschaftssystem grundsätzlich ändern müssen, wenn wir einen Lebensstil anstreben, der unser Ökosystem nicht permanent überfordert.

In der nächsten Zeit möchte ich in mehreren Schritten an diesen Artikel anschließen, neue Aspekte ergänzen oder Gedanken aus dem damaligen Text vertiefen. Den Anfang macht heute die Idee, Wachstum von Ressourcenverbrauch und Verschmutzung zu entkoppeln

Wachstum ohne Ressourcenverbrauch

Die Idee, Wachstum vom Verbrauch von Rohstoffen und von der Emission von Schadstoffen entkoppeln, wird gerne von Akteuren ins Spiel gebracht, die grundlegende Änderungen am aktuellen Wirtschaftssystem ablehnen. Dann soll etwa der Dienstleistungssektor zum Wachstumsmotor werden. In dieser Perspektive wird Wachstum vor allem absolute Größe gesehen, als zunehmende Geldmenge.
Nur: Einer größer werdenden Geldmenge muss auch ein sich vergrößerndes Angebot an Waren gegenüberstehen, die man sich dafür kaufen kann, mindestens aber Dienstleistungen, die man in Anspruch nehmen kann, vor allem aber auch in Anspruch nehmen möchte.

Ohne ein Wachstum an erwerbbaren Waren und Dienstleistungen, das der Steigerung der Geldmenge mindestens ansatzweise entspricht, handelt es sich aber nicht um Wachstum, sondern um Inflation. Wenn die Geldmenge steigt, während die Menge der verfügbaren Waren und Dienstleistungen stagniert oder gar schrumpft, werden sie teurer. Das kann bis zu einem gewissen Punkt gewollt sein, damit eine Anhäufung von Vermögen dadurch unattraktiver wird, dass das Geld in Zukunft weniger Kaufkraft haben wird, als heute. Aus diesem Grund haben wir derzeit in der EU ein positives Inflationsziel. Gleichzeitig verursacht das aber für die Menschen Probleme, die mit sehr begrenzten Mitteln nicht nur ihren heutigen Lebensstandard sichern, sondern auch für die Zukunft, etwa fürs Alter oder kommende größere Anschaffungen, vorsorgen müssen.
Bizarrerweise wird von den Wachstumsbefürwortern gerade das gerne als Argumente vorgebracht, da besonders diese Menschen auf Wachstum angewiesen seien, um ihr Geld mit Rendite anlegen zu können, um ihre Ersparnisse nicht zu entwerten bzw. zu vermehren.

Nehmen wir an dieser Stelle aber mal an, es würde wirklich ein Dienstleistungssektor entstehen, der nicht nur einerseits (wenigstens ansatzweise) sinnvolle Arbeitsplätze bereitstellt, sondern auch Dienstleistungen hervorbringt, die für Endverbraucher tatsächlich attraktiv sind: Auch Dienstleistungen verbrauchen Ressourcen und verursachen Abfall und das teilweise in einem erheblichen Ausmaß. Die Medien-Streaming-Dienste zum Beispiel gehören zu den größten Energieverbrauchern der Welt und das nur durch das Bereitstellen der Inhalte. Die Produktion ist dabei noch nicht mal berücksichtigt.
In der Realität kommt dazu, dass wir bereits heute in vielen Bereichen einen Verdrängungswettbewerb haben, in dem verschiedene Akteure sich gegenseitig unterbieten, um eigentlich objektiv in sehr viel geringerem Umfang benötigte Dienstleistungen für einen eigentlich zu geringen Preis anbieten, zu dem sich wirtschaftlich arbeiten lässt. (Ein Beispiel wären die die Freelancer-Economy in vielen kreativen Berufen)

Qualitatives Wachstum

Ein weiteres Konzept, dass gerne gegen grundlegende systematische Änderungen und tiefgreifende Einschnitte in Stellung gebracht wird, ist die Idee des qualitativen Wachstums. Dabei sollen durch Innovationen in den Produktionsprozessen Rohstoffe eingespart und Müll vermieden werden. Auch eine verbesserte Haltbarkeit soll Ressourcen schonen und den Müllberg verkleinern. Daneben erhoffen sich die Anhänger dieses Prinzips, dass sich eine Entwicklung ergibt, in der die Zufriedenheit der Angestellten und sozialer Ausgleich einen höheren Stellenwert gewinnen.

Nun wäre all das wünschenswert, nur lässt sich schwer begründen, warum daraus Wachstum entstehen sollte. Für ein Handy, das statt gerade mal knapp die zwei Jahre der Gewährleistungsfrist zu überleben, sagen wir zehn Jahre hält, wird man nicht den fünffachen Preis verlangen können. Vor allem aber benötigt man für die Produktion nicht das Fünffache an Personal sondern, wenn man mal annimmt, dass die Kunden den Produktlebenszyklus dann auch voll ausnutzen, nur noch ein Fünftel, weil der Gesamtausstoß massiv sinken würde. Dazu müssten all die vollkommen überflüssigen Produkte wegfallen würden, die ohnehin nur für kurze Nutzung und anschließendes Wegwerfen ausgelegt sind.
Was dieses Konzept zudem vollkommen übersieht, ist dass im Westen die Auswirkungen eventuell noch überschaubar, wenn auch sicherlich spürbar, wären. Schwerer getroffen würden davon aber die Entwicklungs- und Schwellenländer, bei denen wir jetzt die Rohstoffe und mittlerweile auch große Teile der Billigprodukte beziehen. Diese Volkswirtschaften würden dramatische Einbußen hinnehmen müssen, ohne – bei Beibehaltung der derzeitigen Marktlogik – dafür kompensiert zu werden.

Neben der Frage, ob diese Maßnahmen also ausreichen würden, um ein Verbrauchs- und Emissionsvolumen zu erreichen, das unser Ökosystem nicht überfordert, gibt es wenig Grund zu der Annahme, dass sich selbst in unseren Breiten damit irgendein Wachstum generieren lassen oder auch nur das Schrumpfen der Wirtschaft aufhalten lassen könnte, das mit einem Absenken des Produktionsoutputs einhergehen würde. Die Auswirkungen auf andere Regionen der Erde bei Beibehaltung der Systemlogik wird gar nicht erst eingepreist.

Unterm Strich bleibt die Vorstellung eines Wachstums ohne bzw. mit deutlich weniger Ressourcenverbrauch und Müllproduktion vor allem eine Ausrede, sich nicht Strategien auseinandersetzen zu müssen, die mit Konsumverzicht und anderen Einschränkungen unserer aktuellen Lebensweise einhergingen und weniger populär sind, als den Menschen zu sagen, dass sie eigentlich nicht viel ändern müssen.

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2 Antworten zu “Schluss mit Wachstum Teil 2 – Wachstum ohne Ressourcenverbrauch und Verschmutzung?

  1. Pingback: Neuer Blog-Beitrag: Schluss mit Wachstum Teil 2 | www.thorsten.beermann.com

  2. Pingback: Schluss mit Wachstum Teil 3 – Haltbarkeit | workingmansdeath

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