Schluss mit Wachstum – Exkurs: Digitalisierung

Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist als Thema im allgemeinen Diskurs gleichzeitig omnipräsent und kommt praktisch nicht vor. Es geht zwar regelmäßig darum, der Wirtschaft die Infrastruktur dafür zur Verfügung zu stellen, aber wenn über die Auswirkungen auf die abhängig beschäftigten gesprochen wird, unterstellt man gerne Panikmache. Eine Debatte, wie Digitalisierung unsere Arbeitswelt ähnlich wie die Transformation von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft auf den Kopf stellen wird, findet in der Politik kaum statt, geschweige denn ein Nachdenken darüber, wie wir unsere sozialen Sicherungssysteme, unsere Wertvorstellungen und unsere Ideen von der Verteilung von Arbeit und der Produkten daraus ändern müssen, damit hier nicht große Teile der Bevölkerung auf der Strecke bleiben.

Dieser Text ist deshalb als Exkurs Teil dieser Reihe, weil die Folgen der Digitalisierung unsere Vorstellungen von Wirtschaft und Erwerbstätigkeit ähnlich grundlegend erschüttern werden, wie es die Umstellung auf eine Wirtschaftsweise tun würde, die das Ökosystem nicht überfordern würde. Ohnehin erschüttern, könnte man sagen – denn wo es Politik, großen Teilen der Medien und der Bevölkerung nahezu undenkbar erscheint, den eigenen Lebensstil aktiv für mehr Umweltverträglichkeit umzustellen, rauscht man durch passives Nichtstun bisher recht unbesorgt den Verwerfungen entgegen, die eine umfassende Digitalisierung mit sich bringen wird.

Wenn über Digitalisierung und die eigenständige Arbeit von Maschinen gesprochen wird, geht es in der Diskussion heute vor allem um hochqualifizierte Tätigkeiten. Man fragt zum Beispiel, wo in der Medizin Stellen wegfallen werden (Antwort: In Fachbereichen, wo es vor allem um die Erkennung von Mustern geht, wie der Onkologie, vermutlich recht bald, in der Chirurgie vermutlich deutlich später) oder ob Algorithmen bald journalistische Texte oder selbst Prosa (besser) verfassen können, als ihre menschlichen Pendants.
Diese Themen haben ihre Berechtigung und sind auch teilweise durchaus aufschlussreich (dazu später mehr), aber die betreffen nur relativ kleine Bevölkerungsgruppen. Tatsächlich werden es aber vor allem die „normalen“ Bürojobs sein, die sehr bald und mit voller Wucht die Folgen der Digitalisierung zu spüren bekommen.

Wer schon mal eine Bewerbung in einem der moderneren Online-Portale genutzt hat, kennt das vielleicht: Man lädt seinen Lebenslauf als PDF-Datei hoch und auf den nächsten Seiten sind viele Felder bereits vor-ausgefüllt. Das System erkennt anhand von Schlüsselbegriffen, wo auf dem Dokument sich welche Information befindet und das relativ zuverlässig und korrekt.
Ähnliches wird man sehr bald in vielen kaufmännischen Berufen erleben. Gerade einfache Tätigkeiten, wie das Erfassen von Aufträgen, Datenpflege und Datenübertragung zwischen verschiedenen Systemen wird in naher Zukunft durch Software und Schnittstellen erfolgen. Noch dazu gehen schon heute immer mehr Firmen dazu über, den Kunden die Parameter seines Auftrags über Eingabemasken selbst einpflegen zu lassen.
Tätigkeiten wie diese sind zeitintensiv und machen in nicht wenigen Jobs einen wesentlichen Teil der Arbeitszeit aus. Und selbst anspruchsvollere Tätigkeiten, für die kein Detailwissen oder eine Transferleistung wie die Interpretation von Informationen und Daten nötig ist, werden bald auch von der KI auszuführbar sein.

Grundsätzlich kann man sagen: Die Stärke von KI ist es, viele Informationen schnell zu erfassen, zu Verarbeiten und zu übertragen. Sie kann Muster relativ gut erkennen und auch aus unterschiedlichen Layouts bestimmte Informationen filtern (oder eben einen bösartigen Tumor auf einem Röntgenbild erkennen). Worin Maschinen bisher relativ schlecht sind, ist die Manipulation der physischen Welt. Das klingt zunächst vielleicht konterintuitiv, wenn man an die Robotisierung der Industrie denkt, aber tatsächlich funktionieren diese Maschinen nur, wenn man ihnen das Objekt ihres Prozesses an einem genau bestimmten Platz exakt auf den korrekten Winkel ausgerichtet bereitlegt. Aus einem unordentlichen Werkzeugkoffer einen 10er-Schlüssel heraus zu fischen oder statt Schach zu spielen (was Software heute besser kann, als jeder Mensch) die Figuren aus einem Eimer mit anderen Gegenständen heraus zu suchen und korrekt aufzustellen, übersteigt die Fähigkeiten aber (noch).

Jetzt kann man auf der individuellen Ebene schließen, dass eine Ausbildung im Handwerk mittelfristig deutlich sicherer sein dürfte, als so manches Studium, die Schwestern und Pfleger sicherer als mancher Arzt und die Lagerarbeiter in einer Spedition sicherer als Speditionskaufleute. Gesamtgesellschaftlich rollte hier aber eine Welle auf uns zu, die eine Anzahl an Menschen für die Wirtschaft überflüssig machen wird, in einem Ausmaß, das die letzten Transformationen vermutlich deutlich übertreffen wird. Es wird viel mehr Menschen treffen, die überhaupt nicht damit rechnen und bei denen auch unsere Gesellschaft nicht damit rechnet, weil sie ja „etwas Vernünftiges gelernt haben“.
Schon heute, in Zeiten des angeblichen „Fachkräftemangels“ sind Weiterbildung, Umschulung oder Quereinstieg in vielen Firmen und ganzen Branchen noch Fremdwörter und wenn, dann hat der Staat dafür zu sorgen, dass der perfekte Kandidat frei Haus geliefert wird und nicht etwa die Wirtschaft selbst zu investieren. Wie wird es dann erst gehen, wenn die Zahl der für die Arbeit benötigten Personen drastisch sinken wird, während die Zahl der Arbeitsfähigen Personen gleich bleibt oder deutlich langsamer sinkt?

Die Digitalisierung wird unsere Vorstellung von Erwerbstätigkeit, in der die Mehrheit der Menschen in einem Vollzeitjob arbeitet, ad acta legen, wen wir vermeiden wollen, dass große Anteile der Bevölkerung in der Arbeitswelt einfach nicht mehr benötigt und aussortiert werden. (Sicher, es werden auch neue Jobs entstehen, aber wir brauchen nicht Millionen von Programmierern und es kann nicht der komplette Rest 40 Stunden die Woche putzen oder Pakete ausfahren.)
Wenn wir ohnehin schon anfangen werden müssen, uns zu überlegen, wie wir die noch vorhandene Arbeit und die Produkte daraus in der Bevölkerung verteilen und unser gesamtes Wirtschaften neu ausrichten müssen, dann wäre das eine gute Gelegenheit, einen weiteren nicht weniger notwendigen Parameter zu berücksichtigen.

Auch die Adaption an die Digitalisierung wird zu spät kommen und mit großen Verwerfungen einhergehen. Wenn wir rechtzeitig anfangen wollten, unsere Lebensweise, Arbeitswelt und die sozialen Sicherungssysteme auf diesen Tornado vorzubereiten, müssten wir gestern damit angefangen haben. Tatsächlich aber verweigern große Teile der Politik, auch nur über mögliche Maßnahmen (etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen, Verkürzung von Arbeitszeiten etc.) nachzudenken.
Im Gegensatz zur ökologischen Wende wird die Digitalisierung aber von der Wirtschaft aktiv voran getrieben werden (zumindest bis zu dem Punkt, an dem man feststellt, dass die Absätze einbrechen, weil alle anderen Akteure den gleichen Weg gehen und plötzlich deutlich weniger Menschen Geld zum ausgeben haben). Wir werden also nicht, wie bei den Themen Umwelt und Klima, jahrzehntelang herumeiern, weil die Folgen irgendwie vage bleiben und die Regionen, die am meisten zum Problem beitragen, ironischerweise recht spät betreffen, während denen, die gar nicht mitfeiern durften, zuerst die Rechnung für die Party präsentiert wird.

Die Chance könnte also darin liegen, dass die Digitalisierung unserer Wirtschaftsordnung den Rest gibt, bevor es Klimawandel und Umweltzerstörung tun und solange auf diesen Feldern vielleicht sogar noch etwas getan werden kann.

Eine Antwort zu “Schluss mit Wachstum – Exkurs: Digitalisierung

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