Der Wille, sich betroffen zu fühlen

Ich bin empört, du auch? Also eigentlich sitze ich an diesem Neujahrsmorgen relativ entspannt in meinem Wohnzimmer, aber ein Blick in die sozialen Medien verrät, dass „empört“ für viele Menschen der Standard-Modus ist, sobald sie sich im Internet bewegen. ‚
Das aktuellste Beispiel ist „Omagate“, der Fall eines umgedichteten Kinderlieds in einem Video des WDR, das einen Kniefall des WDR-Intendanten und ARD-Vorsitzenden vor den Wutbürgern per Liveschalte und Aufmärsche bekannter Neo-Nazis vor den Gebäuden des Senders und der Privatwohnung eines Mitarbeiters zur Folge hatte.

Omagate ist ein Paradebeispiel für das, worum es in diesem Text gehen soll. Es gibt genug Sachverhalte, über die man sich mit einigem Recht aufregen kann, auch unabhängig davon, ob man selbst tatsächlich betroffen ist oder nicht. In diesem konkreten Fall kann man unterschiedlicher Meinung sein, ob das Lied eine gelungene Satire ist. (Meine Persönliche Ansicht: Geht so. Die erste und letzte Strophe sind ganz nett). Wenn man aber daraus eine pauschale Verunglimpfung der älteren Jahrgänge oder gar eine persönliche Beleidigung der eigenen Großmutter ableitet, der muss Inhalt und Intention des Textes missverstehen WOLLEN (angefangen dabei, dass die „Oma“ darin nur vorkommt, weil die Vorlage nun mal „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ heißt…man mag sich aber gar nicht vorstellen, was passiert wäre, hätte der Chor stattdessen „Mutter“ gesungen). Das eigentlich Traurige dabei: Das ist vielleicht ein Extrem- aber kein Einzelfall.

Insbesondere die rechte Filterblase scheint aus wenig anderem zu bestehen, als einer durchgehend laufenden Empörungsmaschine, die auf Tatsachen wenig Rücksicht nimmt. Das Faktencheck-Portal mimika.at bespricht praktisch täglich rechte Internet-Memes, die fast alle zwei Dinge gemeinsam haben: 1. Mit ein wenig Nachdenken oder maximal einer kurzen Googlee-Recherche hätte man selbst herausfinden können, dass die Behauptungen die Realität mindestens extrem verdrehen, wenn nicht gar vollkommen frei erfunden sind. 2. Die Memes werden trotzdem wie besessen geteilt und in den Kommentaren darunter wird Gift und Galle gespuckt.
Das Phänomen beschränkt sich natürlich nicht auf den rechten Teil des Spektrums, allerdings ist mein Eindruck, dass zum dort zum einen die Frequenz von falschen Zitaten etc. deutlich geringer ist und die Falschaussagen in der Regel auch nicht so plump und offensichtlich an den Haaren herbei gezogen sind.

Diese Betroffenheitsmaschinerie erfüllt verschiedene Zwecke. Es hält die eigene Gefolgschaft bei der Stange und in einem dauerhaften Zustand der Erregung. Die einschlägigen Themen treten nie in den Hintergrund, vollkommen egal, ob es dabei neue Entwicklungen gibt (oder ob es jemals eine real existierende Basis gab). Gleichzeitig lenkt man damit von eventuellen unangenehmen Diskussionen ab, die sonst eventuell Bahn brechen könnten und man hat ein paar erprobte Narrative zur Hand, die man nach Bedarf aktivieren und gegen den politischen Gegner einsetzen kann.
Aber auch dem Adressaten werden Bedürfnisse erfüllt. Zum einen kann er sich im stetigen Strom der (Falsch-) Meldungen seine eigene Weltsicht immer wieder bestätigen lassen (auch wenn er dafür den Verstand regelmäßig ausschalten muss), vor allem aber wird durch das Teilen der Meldungen und die zelebrierte Empörung die Zugehörigkeit zum „eigenen Team“ in der Blase und nach außen dokumentiert und bekräftigt. Man gibt vor, den Unsinn zu glauben, den man zu glauben hat, wenn man Teil der Szene sein will und bekräftigt damit seine Verbundenheit und Treue zur Bewegung. (Es ist das, was der Soziologe Emil Durkheim mit dem Zeigen von Symbolen zur Bekräftigung der gesellschaftlichen Ordnung meinte.)

Genau das wirft in der Folge große Probleme für den gesamtgesellschaftlichen Diskurs auf. Zum einen zementiert das ständige Einbringen, Reproduzieren und Zelebrieren von Falschmeldungen, dass Fakten nicht mehr die unumstößliche Basis bilden, auf der kommuniziert und gehandelt wird oder wenigstens werden sollte (mit entsprechenden sozialen Kosten für die, die es nicht tun), zum anderen erschwert es diese Funktion der dokumentiertem Zugehörigkeit einzugestehen, wenn man sich verrannt hat, weil man damit aus seiner Gruppe ausscheren müsste und vom wahren Glauben abgefallen wäre. Und nicht zuletzt sorgt dieser Zustand der Dauererregung dafür, dass viele Diskussionen schon „auf der Palme“ begonnen werden und man gar nicht weit genug herunter kommt, um das Thema sachlich besprechen zu können.

Diese Mechanismen sind nicht neu und keine Erfindung des Internetzeitalters. Die Menschen haben sich schon immer gerne über vermeintliche Verletzungen der gesellschaftlichen Normen aufgeregt, auch wenn es sie weder betroffen hat noch etwas anging. Besonders die selbsternannten „Bürgerlichen“ waren schon immer die Weltmeister, Minderheiten zu hassen, die (angeblich) nicht so lebten, wie man es von ihnen erwartete.
Gerade beim Trend, allgemeine Aussagen in persönliche Betroffenheit umzumünzen, kann sich allerdings auch das linke Spektrum nicht von einer unglücklichen Vorreiterrolle freisprechen. Statt sachlich zu kritisieren, was einem an einer bestimmten Aussage oder Handlung missfiel, wurde versucht mit einer emotionalen Beeinträchtigung durch das Kritisierte zu punkten.

Es waren allerdings wiederum die Rechten, die den nächsten Schritt machten und vom Willen zur persönlichen Betroffenheit zum Willen, sich persönlich angegriffen zu sehen, gingen. Ein guten Beispiel ist der von Stefan Sasse Ende November als Artikel veröffentlichte Twitter Thread von Jonas Schaible, in dem es darum geht, wie Männer für Frauen (auch ungewollt) bedrohlich wirken können und die Antwort von Stefan Pietsch darauf, die nur mit einem massiven Nicht-Verstehen-Wollen, worum es in diesem Text ging, zu erklären ist.

Was kann man an dieser Stelle tun, um die Hysterie abzudämpfen oder wenigstens nicht weiter zu befeuern und zu einem sachlichen Diskurs zurück zu kehren? Einige Schritte, bevor man auf „Teilen“ klickt oder sich an der allgemeinen Zurschaustellung von Empörung beteiligt, können helfen. Relativ viel gehört in den Bereich, der in den Geisteswissenschaften als Quellenkritik gelehrt wird:

 

  1. Ist die Behauptete Handlung oder Aussage tatsächlich passiert? Oft reicht schon eine kurze Google-Recherche, um die Originalaussage oder den Ursprung eines Memes zu finden (die in der Regel auch nicht so aktuell sind, wie sie vorgeben).‘
    Wenn das nicht möglich ist, kann man sich trotzdem fragen, ob es realistisch ist, dass die Handlung oder Aussage so stattgefunden hat, wie beschrieben und (wenn es sich um die Aussage einer bekannten Person handelt) die Botschaft zu früheren Aussagen und zum früheren Verhalten passt (so kommt man zum Beispiel recht schnell darauf, dass Greta Thunberg nicht dazu aufgerufen hat, Politiker zu exekutieren).
  2. Wer veröffentlicht den Beitrag mit welchem Ziel? Das ist tatsächlich eine Kernfrage. Wer veröffentlicht etwas mit welcher Zielgruppe um was damit zu erreichen/auszulösen? Inwieweit wurde die Darstellung des Sachverhaltes gezielt auf einen bestimmten Effekt hin ausgerichtet? Spüre ich diesen Effekt vielleicht gerade und falle ich vielleicht gerade auf das Framing herein? Hat dieser Beitrag überhaupt zeitlich und inhaltlich etwas mit dem Ereignis zu tun, mit dem er verknüpft werden soll?
  3. Muss ich mich tatsächlich angesprochen fühlen? Auch das ist eine wichtige Frage. Die Reflexhaftigkeit, mit der zum Beispiel auf jeden Beitrag über (sexuelle) Gewalt durch Männer die #notallmen Antworten kommen, ist bezeichnend. Man muss sich nicht jeden Schuh anziehen (und wenn man das Bedürfnis dazu hat, sollte man sich ernsthaft fragen, warum). Wenn ich zu dem Schluss komme, eine Kritik, ein Vorschlag etc. betrifft mich nicht, dann kann ich das Thema doch einfach für mich abhaken und muss nicht zu einer Verteidigung ausholen (und dabei im Regelfall das Thema verfehlen und/oder verschieben, weil ich ja selbst glaube, dazu gar nichts inhaltliches sagen zu können).

Wenn man sich diese Momente der Selbstreflektion gönnt, müssten schon viele Empörungs-Beiträge wegfallen. Wenn wir es dann noch schaffen, nicht gleich die negativste mögliche Lesart für wahrscheinlich zu halten, können wir hoffentlich wieder auf die Sachebene zurückkehren.

Im Original veröffentlicht bei Deliberation Daily.
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