Schluss mit Wachstum – Exkurs 2: Es ist nur Geld

Wann immer jemand tiefgreifendere Veränderungen im Wirtschaftssystem andenkt, gibt es eine Antwort, die mit Sicherheit zu erwarten ist: „Woher soll denn das ganze Geld kommen? Irgendwer muss ja erstmal das Geld verdienen, dass da mit vollen Händen verteilt werden soll.“
Die Meisten werden diese Fragen nachvollziehen können. Schließlich wurden wir alle darauf geprägt, dass Geld das Medium ist, dass und Zugang zu Dingen und Dienstleistungen verschafft. Ohne Moos nichts los. Und für manchen ist Geld sogar der zentrale Teil der eigenen Identität und Lebensführung geworden.

Was ist Geld?

Geld, in unserer marktwirtschaftlichen Definition, muss bestimmte Eigenschaften haben und Funktionen erfüllen, die wir alle fast schon intuitiv nutzen. Am offensichtlichsten ist Geld als Tauschmittel gegen Waren und Dienstleistungen, aber nicht selten auch im privaten Umfeld als Ausdruck oder Tauschmittel für Zuneigung oder Anerkennung.
Diese Eigenschaft wird dadurch verstärkt, dass Geld auch offizielles Zahlungsmittel ist. Durch die Autorität der ausgebenden Stellen ist der Wert des Geldes nicht mehr ganz so extrem von der gesellschaftlichen Akzeptanz und Aushandlung abhängig. In einem funktionierenden Staat wird das Geld überall als Zahlungsmittel akzeptiert, die Kaufkraft ist relativ stabil und kann mit politischen Steuerungsmechanismen beeinflusst werden. In Ausnahmesituationen kann dem Staat diese Kontrolle allerdings entgleiten und Parallelwährungen können das offizielle Zahlungsmittel verdrängen, wenn es nicht werthaltig ist.

Geld ist außerdem eine Recheneinheit und Wertmaßstab. Auch das sind zentrale Funktionen. Wie viel Geld ist unsere (Arbeits-) Zeit wert? Wie viel Geld geben wir für bestimmte Waren und Dienstleistungen aus (und wie lange mussten wir dafür arbeiten)? Ist meine Zeit mehr wert als deine Zeit, weil ich mir eine E-Klasse leisten kann und du dir nur einen alten Fiesta?
Geld setzt den Wert verschiedener Dinge zueinander in Bezug. Und wenn wir im Ausland sind, rechnen wir in der Regel alles Preise in unsere Heimatwährung um, um eine Vorstellung von dem jeweiligen Wert der Waren zu bekommen. (Erlernt wird das übrigens in der Regel genau umgekehrt: Die meisten Kinder rechnen Geldbeträge zumeist in einen ihnen bekannten Warenartikel um, oft Süßigkeiten, um den Wert des Geldes abmessen zu können. Bei mir waren das Lakritzrauten für 5 Pfennig.)

Eine weitere wichtige Eigenschaft von Geld ist die des Wertaufbewahrungsmittels. Geld kann zu jedem beliebigen Zeitpunkt ausgegeben werden bzw. muss nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgegeben sein. Ohne einen (großen) Wertverlust oder eine Einschränkung seiner Nutzbarkeit kann Geld beliebig lang gelagert und auch angespart bzw. angesammelt und zu einem selbst gewählten Zeitpunkt wieder in den Geldkreislauf eingebracht werden.

Was, wenn das System kippt?

Was aber, wenn das Wirtschaftssystem nicht stabil ist? Wenn sich die Geldmenge erhöht oder das Warenangebot sinkt, steigen die Preise. Wir haben eine Inflation. Je nachdem, wir drastisch eine oder gar beide dieser Entwicklungen zum Tragen kommt, kann Geld innerhalb kurzer Zeit massiv an Wert einbüßen. Oft treten dann Ersatzwährungen, sei es offizielles Geld aus anderen Ländern oder auch Waren-Währungen, an die Stelle der eigentlichen offiziellen Währung. Wir kennen diese Situation aus vielen Krisenländern, aber auch aus der deutschen Geschichte, etwa der Phase zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Einführung der D-Mark.

An dieser Stelle möchte ich ansetzen. Egal, ob wir unsere Produktion von Waren und Dienstleistungen und damit den Ressourcenverbrauch und vor allem die Emissionen (nicht nur von Treibhausgasen) reduzieren oder ob wir es nicht schaffen, aus eigener Kraft umzusteuern, Kipppunkte Verpassen und uns das Ökosystem die Einschränkungen unserer Wirtschaft diktiert (etwa weil Landwirtschaft oder selbst Produktion in verschiedenen Regionen der Welt kaum noch möglich sein wird), wir werden uns auf ein deutlich reduziertes Warenangebot einstellen müssen, das gleichzeitig auf eine mindestens kurzfristig nicht sinkende Anzahl an Menschen aufgeteilt werden muss. Und gerade wer Migration, sei es als Flucht vor Krieg, Verfolgung oder auch Unbewohnbarkeit der Heimatregion oder sei es in der Hoffnung auf ein wirtschaftlich besseres Leben, begrenzen möchte – ebenso übrigens gesellschaftliche Unruhe bei uns – sollte sich für eine möglichst gleichmäßige Verteilung einsetzen.

Entscheidend ist die Verteilung der Arbeit und der Güter

Geld mag das Tauschmedium sein, auf das wir uns geeinigt haben, aber diese Einigung wird ohnehin schnell ins Wanken geraten, wenn sich eine Seite der Gleichung – in diesem Fall das Warenangebot – drastisch verändert. Insbesondere die Funktion als Wertaufbewahrungsmittel, also der Einsatz von Erspartem zu einem späteren Zeitpunkt, wäre in kürzester Zeit stark eingeschränkt. Wenn ich für das Geld in Zukunft sehr viel weniger Waren erhalte, als ich heute erwarte, dann lohnt sich das Sparen nicht, denn das Geld an sich (genau wie die meisten Edelmetalle, die zur Wertaufbewahrung genutzt werden) hat kaum einen Eigenwert. Man kann Geld nicht essen.
Das einzige, was wir relativ sicher wissen, ist das jeweils aktuelle Warenaufkommen und den Bedarf (gegeben durch die Anzahl der vorhandenen Personen) zu einem bestimmten Zeitpunkt. Das sind die Größen, mit denen wir tatsächlich arbeiten können und müssen. Wenn wir z.B. gerade noch genug Lebensmittel haben, um die vorhandenen Menschen zu ernähren, hilft es nichts oder sollte es nichts ändern, ob eine Person Millionen auf dem Konto hat oder in den Miesen ist.

Es ist nachvollziehbar, dass diese Idee für viele Menschen bei uns beängstigend ist. Viele haben große Teile ihres Lebens damit verbracht, „etwas auf die hohe Kante zu legen“, um sich zukünftigen Wohlstand leisten zu können. (Sascha Lobo hatte sich mit diesem Thema in seiner letzten Kolumne sehr lesenswert auseinandergesetzt). Dass das jetzt eventuell alles nichts mehr zählen oder zumindest nicht die (im doppelten Sinne) Rendite bringen soll, die man sich davon erhofft hat, ist frustrierend und scheint sicher auch ungerecht.

In meinen Augen ist es trotzdem nahezu unerlässlich, dass wir uns von diesen hergebrachten Vorstellungen verabschieden. Die Idee, etwas für die Zukunft zurück zu halten, ergibt nur dann Sinn, wenn man es auch nutzen kann und wenn es nicht drastisch entwertet wird. Das wäre tatsächlich auch nichts Neues in der Geschichte der Menschheit. In der Vergangenheit gab es immer wieder Geld-Arten, die nur als kurzfristiges Tauschmedium gedacht waren (Marktgeld) oder auch einen vor allem rituellen Wert hatte bzw. soziale Verbindungen durch (Leih-) Gaben und Gegengeschenke bekräftigte.

Die Idee, Reichtum um seiner selbst willen anzuhäufen, besonders ohne eine Idee zu haben, was man damit in der Zukunft eigentlich zu tun gedenkt, ist ein relativ junges Konzept. Und es funktioniert nur dann, wenn die Wirtschaft mindestens stabil ist, wenn nicht sogar wächst, damit das Vermögen überhaupt in (konsumierbaren) Wohlstand umgesetzt werden kann. Ansonsten ist es nur Geld.

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