Warum in Uniform?

Schon letztes Jahr gab es eine teils rege Diskussion über die Pläne, dass Bundeswehrangehörige in Uniform kostenlos Bahn fahren können sollten. In den letzten Tagen flammte die Debatte unter anderem auf Twitter wieder auf, nachdem mehrere Personen positive wie negative Beiträge zu größeren Uniformaufkommen in Fernzügen gesendet hatten. Aber wo genau liegt hier das Problem?

Zunächst spricht nichts dagegen, wenn sich die Bundeswehr – vertreten durch die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer – wünscht, dass mehr ihrer Soldaten öffentlich Verkehrsmittel für Dienst- und Heimfahrten nutzen. Und es ist vollkommen legitim, dass ein Arbeitgeber seinen Angestellten Beihilfen für die Mobilität bezahlt, sei es in Form von Geld, Benzingutscheinen oder als Freifahrtschein im öffentlichen Verkehr. Gerade im Fall von Soldaten, die teils (und gelegentlich auch ohne größere Vorwarnzeit) in großer Entfernung von ihren Heimatorten eingesetzt werden, wäre das nachvollziehbar.

Aber hier setzt aber schon das erste Problem ein: Wenn ein Arbeitgeber einen solchen Zuschuss beschließt, sollte er auch die Kosten dafür tragen. In diesem Fall aber nötigten Kramp-Karrenbauer und die Befürworter der Maßnahme die Bahn, für diese Fahrten nicht die normalen Preise zu verlangen, sondern sich mit einem symbolischen Betrag zufrieden zu geben.
Nun ist die Bahn ohnehin schon (gemessen am Investitionsbedarf) unterfinanziert. Besonders im Fernverkehr sind viele Strecken bereits heillos überlastet, im Nahverkehr (zumindest zu Stoßzeiten) ebenso. Da wirkt es wenig durchdacht, jetzt die Zahl der Nutzer (besonders zu ohnehin schon stark frequentierten Zeiten) zu erhöhen, ohne dass dafür nennenswert Mittel fließen, die für einen Ausbau der Kapazitäten genutzt werden könnten.

Befürworter versuchen an dieser Stelle ins Feld zu führen, dass wir als Staat und Gesellschaft den Soldaten diesen Respekt schuldig seien, weil sie unsere Freiheit verteidigen würden. Das klingt irgendwie amerikanisch, aber wenn man diese Idee mal überdenkt, bleibt davon nicht all zu viel übrig. Zum einen wird es schwierig, in den letzten 75 Jahren Einsätze zu finden, in denen die eine deutsche Armee das Land, gegen welchen Feind auch immer, verteidigt hätte. Es gab Friedensmissionen (über deren Sinn und Erfolg man im Einzelnen durchaus diskutieren kann) und es gab die Beteiligung im „Krieg gegen den Terror“ (s.o.). Ob irgendwas davon unser Land sicherer gemacht hat, darüber lässt sich streiten.

Hinzu kommt, dass zumindest meiner Erfahrung nach dass die wenigsten Bundeswehrangehörigen aus patriotischem Überschwank heraus den Dienst antreten (und es wäre fraglich, ob das wünschenswert wäre). Meistens dominieren wirtschaftliche Erwägungen. Ein Zeitsoldat erhält in der Regel ein besseres Gehalt, als es diese Personen bei gleicher Qualifikation in der zivilen Wirtschaft erwarten könnten, wenn er dort überhaupt Arbeit findet. Dazu gibt die Bundeswehr die Möglichkeit, überhaupt erst eine Berufsausbildung zu erwerben und auch das weit besser bezahlt, als zivile Azubis.

Gleichzeitig könnte man an dieser Stelle auf viele andere Berufsgruppen verweisen, viele aus dem sozialen Bereich wie Kranken- und Altenpfleger oder Erzieher, Feuerwehrleute, Sanitäter, usw. die (auch) viel für unsere Gesellschaft tun und dabei teilweise deutlich schlechter bezahlt werden. Dabei üben sie Tätigkeiten aus, deren Wegfall unsere Gesellschaft tatsächlich sehr schnell an den Rand der Handlungsfähigkeit bringen würde. Trotzdem möchte ihnen aber niemand Freifahrten zukommen lassen.

An dieser Stelle wird gerne darauf verwiesen, dass Grundwehrdienstleistende (und Zivis) ja damals auch kostenlos die Bahn nutzen konnten. Zum einen ist das so nicht richtig, zum anderen waren die Umstände anders. Korrekt ist, dass die Kosten für die Wochenend-Heimfahrten erstattet wurden. Zivis erhielten in der Regel den Gegenwert einer Monatskarte für ihren täglichen arbeitsweg. Es war also nur der tatsächliche Weg zwischen dem Dienst- und dem Heimatort abgedeckt, nicht alle Fahrten an jeden beliebige inländische Ziel mit jedem beliebigen Zug, quasi eine Bahncard 100.
Dazu kommt, dass im Gegensatz zu den Bundeswehrangehörigen heute, ein Wehrpflichtiger eben nicht unbedingt die Wahl hatte, ob der diese Tätigkeit ausüben möchte, von der Eklatant schlechteren Bezahlung ganz zu schweigen.

Der zweite, fast noch kritischere Punkt ist die Frage: Warum in Uniform? Wenn es tatsächlich nur darum ginge, den Soldaten aus Respekt vor ihrem Dienst die Möglichkeiten zu geben, die Bahn kostenlos zu nutzen, würde dafür ein gültiger Dienstausweis vollkommen ausreichen. Warum müssen die Soldaten bei diesen Reisen ihre Dienstkleidung tragen? Warum haben insbesondere Teile der Union ein Interesse, mehr Uniformen ins öffentliche Bild zu bringen?

Die freundliche Interpretation wäre, dass man die Bundeswehr als Parlamentsarmee, den Bürger in Uniform, sichtbarer machen will. Aber auch da wäre die Frage, warum das nötig sein sollte? Bundeswehrangehörige bewegen sich in ihrer Dienstzeit in ihrer Dienstkleidung. Wir ermuntern aber auch andere Berufsgruppen nicht, ich ihrer Freizeit weiter die Arbeitskleidung zu tragen, um ihre Bedeutung zu unterstreichen.

Die – sagen wir mal mittelfreundliche – Lesart wäre konservatives Virtue Signaling. Auch hier geht meine These in Richtung einer „Amerikanisierung“ der Union und der selbsternannten „Konservativen“ im Allgemeinen. Nach dem Aussetzen der Wehrpflicht und den Ausstieg aus der Atomenergie (also eigentlich dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg) in relativ kurzer Zeit während der schwarz-gelben Legislaturperiode, wurden das zwei Kernfragen der unzufriedenen Rechten in der Union. (An dieser Stelle auch spannend, dass der rechte Flügel der Union in der Koalition mit der FDP scheinbar noch schwerer zu verdauende Kröten schlucken musste, als in der GroKo.) Von da an wurde die Wehrpflicht und als Erweiterung die Bundeswehr und eben die Kernenergie Fetische der „Konservativen“. Oft ohne wirklich begründen zu können warum, wollten sie beides zurückhaben. Ganz einfach weil!

Ich halte es für durchaus möglich, dass Annegret Kramp-Karrenbauer hier bewusst dieses Klientel anspricht, um sich für die Zeit nach Merkel und die vermutlich irgendwann im kommenden Jahr anstehende Frage, welche Partei-Strömung auf dem Weg in den Bundestagswahlkampf dominiert in Stellung zu bringen. Der Aufwand für die (insbesondere bahnfahrende) Allgemeinheit wäre zwar in meinen Augen unverhältnismäßig, aber öffentliche Mittel zu nutzen, um beim eigenen Klientel zu punkten, ist keine neue Idee (z.B. Baukindergeld oder Mütterrente).

Es bleibt die am wenigstens freundliche Interpretation. Der Einsatz der Bundeswehr im inneren ist seit langem ein feuchter Traum der Rechten und „Konservativen“. Auch das ist wieder so ein „einfach nur weil!“ Thema, denn sinnvolle Argumente, warum das hilfreich, geschweige denn nötig wäre, nicht dafür ausgebildete bewaffnete Menschen im Inland (für was eigentlich?) einzusetzen, fehlen vollkommen.
Vielleicht ist es der Wunsch nach einem Militarismus preußischer Schule, in dem der Zivilist vor dem Uniformträger stramm steht und irgendwas mit „Respekt vor staatlichen Autoritäten“. Die Frage, warum es der amtierenden Verteidigungsministerin so wichtig ist, dass sich die Menschen an den Anblick mehr Uniformierter im öffentlichen Raum gewöhnen, wurde in der linken Filterblase in den letzten Wochen tatsächlich recht häufig gestellt.

Eine Antwort zu “Warum in Uniform?

  1. Pingback: Neuer Blogeintrag: Warum in Uniform? | www.thorsten.beermann.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s