Wo bleibt der Aufschrei?

Der Anschlag von Hanau hat zehn Todesopfer gefordert. Das ist nur wenige Stunden her, doch während die Politik seltsam ruhig bleibt, läuft in den Medien schon jetzt das Programm an, um in relativ kurzer Zeit zur Routine überzugehen. Die Mehrheitsgesellschaft ist gerade wieder dabei, die Reaktion auf den Terror als Pflichtübung abzusitzen und das ist ein Problem. Hier tut sich eine Spaltung auf, die es selten in die Talkshows schafft.

„Einzeltäter“, „geistig verwirrt“, Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner twittert von „wahlloser Tötung“. Medien schreiben von „Ausländerfeindlichkeit“ oder „Fremdenfeindlichkeit“. Und das sind nur einige der Baustellen, an denen wir aus verschiedenen Gründen ansetzen müssen.

Der Einzeltäter

Fangen wir vielleicht hier an. Der launige Witz, dass ein mordender Muslim ein Terrorist ist, ein aus rassistischen Gründen mordender Weißer ein einsamer Wolf und fast immer „geistig verwirrt“, geistert schon lange durch die Welt (inklusive des Family Guy Skin Colour Memes). Die Frage ist, warum wir in dem einen Fall das Narrativ des „verwirrten Einzeltäters“, der sich im Internet radikalisiert habe, zu akzeptieren bereit sind und in anderen Fällen (durchaus begründet) rundweg ablehnen.

Dieser „verwirrte Einzeltäter“ bezieht sich auf die gleichen Narrative, Verschwörungstheorien und Wahnideen, die auch die erst letzte Woche aufgeflogene Terrorzelle, die Anschläge ins ganz Deutschland plante (und auch schnell wieder aus den Medien verschwunden war), wie den Attentäter von Halle vor nicht mal einem halben Jahr, aber eben auch wie Pegida-Demonstranten, die zu Hunderten durch die Innenstädte zogen.

Es mag sein, dass der Täter aufgrund psychischer Probleme besonders empfänglich für rassistische Einflüsterungen waren, trotzdem hat diese Radikalisierung (wie so ziemlich jede andere) nicht im luftleeren Raum stattgefunden. Es gibt im Internet von dem Einstieg über dezent rassistischen „Humor“(etwa die kurzzeitig mal diskutierten Gamer-Foren) bis zur knallharten Neo-Nazi-Gruppe Strukturen, die Menschen auf jedem Schritt der Radikalisierung begleiten und weiter auf der Skala verschieben.

Doch nicht nur das. Auch Politik und Medien haben in den letzten Jahren viel getan, um die Inhalte, Verschwörungstheorien und Narrative der Rechten in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Bei der Politik geht es dabei auch bei weitem nicht nur um die AfD. Wie viele Politiker von Union und FDP haben rassistische Narrative bedient, bis hoch zum heutigen Innenminister?
Oder die Medien. Erinnert sich noch jemand an die Hetze zu angeblich umbenannten Weihnachtsmärkten oder Kindergarten-Speiseplänen? Auch viele Medien auch abseits des Springer-Sumpfes  und der reinen Scharfmacher, wie Tichy oder Broder, stellen „Menschen mit Migrationshintergrund“ vor allem als eine Art Gewalt-, Kriminalitäts-, und Sozialporno dar? Sagen wir mal so: Dass sich der Täter gestern zwei Shisha-Bars als Ziel suchte, was kein Zufall.

„Wahllos“, Ausländer- und Fremdenfeindlich“?

Die Tat gestern war alles andere als „wahllos“. Ganz im Gegenteil, der Täter hatte sich gezielt zwei Orte ausgesucht, an der er erwartete, Menschen anzutreffen, die seiner Vorstellung von „Deutsch-Sein“ nicht entsprachen. Und das war weder ausländer- noch fremdenfeindlich. Die Opfer waren keine „Fremden“, sondern deutsche und allein diese Formulierung schiebt sie, ihre Angehörigen und alle, die diesem Bild des „Deutschen“ nicht entsprechen, ein weiteres Mal aus dem „Wir“ der Mehrheitsgesellschaft heraus. Letztendlich übernimmt man damit die Perspektive der Täter.

Die Tat war auch nicht „ausländerfeindlich“, nicht nur, weil die Opfer eben keine „Ausländer“ waren. Der Hass richtete sich auch nicht gegen Schweizer, Norweger oder Iren. Die Tat war rassistisch und dieser Rassismus ist mittlerweile wieder weit in die angebliche Mitte der Gesellschaft gerückt. In einigen Regionen identifiziert sich ein Viertel der Bevölkerung offen damit.

Und wir lassen sie allein…

Und das Schlimmste ist, dass wir einen nicht unwesentlichen Teil unsere Bevölkerung, unserer Arbeitskollegen und Nachbarn damit allein lassen. Wir lassen zu, dass sie mit Begriffen wie den oben genannten aus unserer Mitte herausgeschnitten werden. Sie gehören nicht dazu…mal wieder. Jeder Hinterwäldler, der wegen zwei Frauen mit Kopftuch und einem Dönerimbiss in seiner Stadt mit 5% „Ausländeranteil“ „Angst“ vor dem Bevölkerungsaustausch hat, wird mit seinen „Sorgen“ ernst genommen. Wer nimmt eigentlich die Sorgen der Menschen ernst, die tatsächlich eine ständig steigende Bedrohung und Verrohung erleben, von Rassisten, die immer offener auftreten, weil ihnen auch die Mainstream-Medien und -Politiker signalisiert haben, dass sie für eine schweigende Mehrheit handeln und sprechen.

Es sind lange nicht nur die spektakulären Attentate. Wie wäre es, wenn diese Menschen mal in die Talkshows eingeladen würden, statt der tausendste AfD-Vertreter? Wie wäre es, wenn endlich flächendeckend widersprochen würde, wenn sich jemand rassistisch äußert. Wenn man den (auch moderat) Rechten nicht die ständige Ablenkung nach Links durchgehen lässt. Wenn man nicht noch ständig den Wenigen in den Rücken fällt, die den Neo-Nazis noch mehr entgegensetzen, als Menschenketten an einem Tag im Jahr. Wenn wir das „Stell dich nicht so an“ oder Anzweifeln von Rassismuserfahrung gegen aufrichtiges Interesse und Empathie tauschen, statt ständig Verständnis für die Täter, ihre Vordenker und Gesinnungsgenossen aufbringen zu wollen. Wer möchte und bereit ist zuzuhören, kann eine Menge über Alltagsrassismus erfahren.

Im Original veröffentlicht bei Deliberation Daily.

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