Jetzt also ohne Fallschirm?

0,7 – das könnte die Zahl sein, die uns an diesem Wochenende Hoffnung macht. Das Robert Koch-Institut hatte Ende der Woche gemeldet, dass die sogenannte Reproduktionsrate des Coronavirus in Deutschland unter 1 gesunken ist und sich sogar auf 0,7 zubewege. Die Reproduktionsrate gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter neu ansteckt. Bei einer Rate von 1 für ein Infizierter im Schnitt eine weitere Person. Die Anzahl der aktiven Fälle bliebe also Stabil. Ein Grund zur Freude? Ja aber…

Eine stabile Anzahl an aktiven Fällen ist das absolute Minimalziel, das man bevorzugt vor der Kapazitätsgrenze des Gesundheitssystems erreichen möchte. Deutschland ist das erfreulicherweise gelungen und dabei konnte sogar ein komfortabler Puffer erreicht werden. Das wäre eine gute Nachricht, wenn wir uns entschließen würden, auf dieser Basis weiter zu arbeiten. Mehr noch, wenn die Reproduktionsrate spürbar unter 1 sinkt, wäre es früher oder später auch wieder möglich, Infektionsketten direkt nach zu verfolgen, also zu versuchen direkt nachzuvollziehen, welcher Patient sich bei welchem Patienten angesteckt hat.

Das wäre ein gigantischer Fortschritt oder noch genauer wäre es das Stadium, was man beim Auftreten eines unbekannten Erregers im Idealfall nie überschreiten möchte. Man ist in der Lage, die tatsächlich Betroffenen einzugrenzen und isolieren. Es findet keine unkontrollierte Verbreitung statt. Das wäre vermutlich auch möglich gewesen, hätte man auf die ersten Fälle auf europäischem Boden schnell und strickt reagiert. Hätten die Behörden in Österreich etwa nach den ersten Fällen in Ischgl den Skibetrieb unterbunden und nicht unkontrolliert Touristen in ihre Heimatländer ausreisen lassen, hätte man viele der frühen Infektionsherde in Mittel-, West- und Nordeuropa verhindern können. (Nicht all zu weit hinter dieser unglaublichen Dummheit kommen aber auch schon die deutsche Exekutive, die den Straßenkarneval stattfinden ließ und – welch Zufall – erst exakt am Aschermittwoch entdecken, dass etwas unternommen werden musste.) Auf diese Weise hatten wir dieses frühe Stadium bereits hinter uns gelassen, als man begann, ernsthaft tätig zu werden.

Diese Entwicklung war alles andere als einfach oder billig, sie war mit großen menschlichen und wirtschaftlichen Kosten und Einschnitten verbunden. Das würde wohl kaum jemand leugnen. Die eigentliche Frage ist, welchen Schluss wir daraus ziehen und wie wir von dort weiter vorgehen. Das Votum der Wissenschaft fällt relativ einmündig aus (zu den Ausnahmen gleich mehr). Dort geht man davon aus, dass noch mindestens vier bis acht Wochen Kontaktsperre nötig seien, um die Ausbreitung so weit einzudämmen, dass ein individuelles Tracking möglich würde und man das Leben des Großteils der Bevölkerung nicht mehr über Gebühr einschränken müsste.

In meinen Augen ergibt diese Perspektive auch Sinn. Wir haben nach rund vier Wochen strikter Einschränkungen in Plateau erreicht. Wenn man einbezieht, dass die erkannten Neuinfektionen überwiegend (wenn nicht verdachtsunabhängig getestet wird) mit einer Verzögerung von 10 Tagen (Inkubationszeit) in die Statistik einfließen (zuzüglich Meldestau durch Feiertage und vermutlich werden viele Patienten auch nicht gleich beim ersten Symptom zum Arzt gehen). Wenn wir also am 16.04. eine Reproduktionsrate von unter 1 messen, dann sind das die Ergebnisse von Infektionen rund zwei Wochen davor. Ob die Zahl der Neuinfektionen seitdem auf diesem (einigermaßen) moderaten Stand geblieben sind. Es gibt gute Gründe, nicht darauf zu hoffen.

Der wichtigste Grund sind die Befürworter der Lockerung. Dummköpfe, die alle Maßnahmen für überzogen hielten, gab es von Anfang an. Exemplarisch sei hier auf Christian Lindner verwiesen, der seine politische Bedeutungslosigkeit schön länger nur noch durch inhaltsleere Provokationen zu durchbrechen versucht und mit seinen Don Quijote-artigen Scheinattacken gegen Tabus, die er sich selbst ausgedacht hat, endgültig auf AfD-Niveau angekommen ist.

In den letzten Wochen gab es jedoch eine ganze Serie von Akteuren, von scheinbar seriös bis zu klaren populistischen Trittbrettfahrern, die Lockerungen der Maßnahmen forderten. Von der Öffnung des Einzelhandels bis zur Öffnung der Schulen war alles dabei. Besonders vorgeprescht ist dabei der NRW-Ministerpräsident Laschet, der – scheinbar gestützt von Erkenntnissen des Virologen Prof. Hendrick Streek – die frühesten und weitreichendsten Lockerungen in den Bundesländern durchsetzen will.

Über die Heinsberg-Studie und die Kommunikation darüber wurde in den letzten Tagen bereits viel geschrieben. Zum einen darüber, dass die Daten nur für einen kleinen Ort (Gangelt, nicht ganz 12.000 Einwohner) repräsentativ sind und nicht mal eine Übertragung auf den Kreis Heinsberg, geschweige denn Deutschland seriös wären. Oder, dass die vorhandenen (schweren) Fälle die regionale medizinische Infrastruktur überlastet hätte, wenn nicht das weniger betroffene Umland eingesprungen wäre. Mehr noch: Es gibt Indizien, dass das Drehbuch zu dieser PR-Kampagne längst fertig war, bevor die Ergebnisse der Forschung überhaupt feststand, inklusive Formulierungen und Fahrplan der Veröffentlichungen.

Diese Kommunikation hat bereits folgen. Viele Supermärkte haben die Hygiene- und Kontrollmaßnahmen bereits wieder zurückgefahren, in den Parks und Erholungsgebieten nehmen die Ansammlungen wieder zu. Viele Menschen meiden zwar noch größere Menschenansammlungen, treffen sich aber bereits wieder regelmäßig mit verschiedenen Menschen im kleinen Kreis. Das gute Wetter und die Feiertage verstärken diesen Effekt noch.
Weit drastischer werden sich die Schulöffnungen in den kommenden Tagen auswirken. Das ist auch schlicht logisch. Schule und Kindergarten bedeutet, Menschen aus 20-25 verschiedenen Haushalten kommen zusammen, mischen die Erreger ihrer jeweiligen Umgebungen und nehmen diesen Cocktail dann mit nach Hause. (Und das nur innerhalb einer Klasse oder Gruppe, in der Regel treffen sich ja aber auch noch Kinder aus verschiedenen Räumen auf dem Flur oder den Außengeländen).

Angela Merkel hat letzte Woche auf einer Pressekonferenz die Auswirkungen einer hohen Reproduktionsrate (und dabei sprechen wir von minimalen Erhöhungen im Zehntel-Bereich) ausführlich erläutert und damit (und dem Vergleich mit anderen Regierungschefs) international durchaus Aufsehen erregt. Selbst das ist übrigens noch vereinfacht, wenn wenn die Inkubationszeit kürzer ist, als die Zeit vom Ausbruch bis zur Genesung und insbesondere die Behandlungszeit im Krankenhaus für die schweren Fälle, steigt die Zahl der „aktiven“ Intensivfälle trotzdem weiter an. Wir brauchen also tatsächlich eine Reproduktionsrate deutlich unter 1, damit wir das Gesundheitssystem nicht an seine Grenze bringen.

Was wir im Moment tun, die Maßnahmen in dem Moment zurück zu fahren, in dem sie Wirkung zeigen (und mancher fordert das ja sogar schon länger), hat der amerikanischer Cartoonist und Klimawissenschaftler John Cook treffend mit der Idee verglichen, einen Fallschirm auf halbem Weg zu Erde abzuwerfen, weil der den Sturz nun genug abgebremst habe.

Ich gehe derzeit davon aus, dass wir schon im Verlauf der nächsten Tage leicht steigende Fallzahlen als Resultat allein des Geredes über Lockerungen und der zuletzt schlampiger umgesetzten Maßnahmen gemeldet bekommen werden. Sobald tatsächlich Lockerungen im größeren Umfang erfolgen, kann man fast sicher davon ausgehen, dass zehn bis vierzehn Tage später ein neuer Peak in der Kurve erscheinen wird.
Das alles ist zunächst mal dramatisch, weil wir hier über Menschen reden, die Gesundheit und Leben verlieren werden. (Und ich habe in den letzten Tagen mit diversen Menschen diskutiert, die das scheinbar als angemessenen Preis zu akzeptieren bereit sind, solange ihre Karriere keine Delle erleidet). Dazu kommt aber auch, dass die gesamten bisherigen Einschränkungen für die Katz waren und zukünftige Einschränkungen (bis zur Entwicklung eines Impfstoffes) eher noch drastischer ausfallen und länger andauern werden. Der kleine Vorsprung, den wir uns in den letzten vier Wochen unter immensen Anstrengungen und Kosten erarbeitet haben, wäre dahin und alles, was dafür geopfert wurde, vergebens.

Vermutlich muss man der modernen Theologie der sogenannten „Wirtschaftswissenschaften“ anhängen uns sonst wissenschaftliche Analphabet sein, um darin einen Sinn zu erkennen.

Im Original veröffentlicht bei Deliberation Daily.

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