Corona in der Glaskugel

Corona und kein Ende. Egal ob hier im Blog, in den großen Medien oder zuhause am Küchentisch, das Thema Corona dominiert die Debatte. Auch beim Blick in die Zukunft stellt sich die Frage nach Folgen und Konsequenzen der Pandemie. Der folgende Text soll einige Aspekte in verschiedenen Zeithorizonten beleuchten.

Die nahe Zukunft rund um das Virus

In meinem Text „Jetzt also ohne Fallschirm“ habe ich bereits ausführlicher dargelegt, was ich für die kommenden Wochen erwarte, man könnte aus sagen, befürchte. Daran hat sich nicht viel geändert. So verständlich der Wunsch nach Lockerungen bei vielen Menschen, die unter den (übrigens im internationalen Vergleich noch immer eher moderaten) Maßnahmen wirtschaftlich oder sozial zu leiden haben, so sehr halte ich diese Lockerungen für verfrüht. Wir haben es noch nicht für einen all zu langen Zeitraum geschafft, das Anwachsen der aktiven Fälle zu unterbinden.

Mehr noch, Berichte von überfüllten IKEA-Filialen am Wochenende oder der unsäglichen Demonstration von Verschwörungstheoretikern bei Stuttgart bestätigen mich in meiner Meinung, dass wir nicht auf Freiwilligkeit setzen können. Selbst wenn sich eine Mehrheit der Menschen vernünftig verhält (und selbst daran hätte ich Zweifel, wenn ich mir die Menschenansammlungen in Parks anschaue oder nur die zahlreichen Grillpartys in meiner Nachbarschaft), es gibt immer noch zu viele Idioten die aus Unwissenheit oder mit voller Absicht die Schutzmaßnahmen unterlaufen und so allen gefährden.

Und genau das ist das Problem. Wenn diese Menschen nur sich diesem Risiko aussetzen würden, wäre man vielleicht sogar langsam geneigt zu sagen: „Dann macht halt!“ Aber diese Menschen haben ein Umfeld und dieses hat wiederum eines und so wären auch Personen betroffen, die es sich nicht selbst ausgesucht haben. Aber genau das ist der Verlauf, mit dem ich rechne. Ich gehe davon aus, dass die Lockerungen – offizielle, wie die steigende Sorglosigkeit und Schlampigkeit – zu einer zweiten Welle von Infektionen führen wird. Die Frage ist, ob wir dann einen zweiten (echten) Lockdown erleben oder (zumindest vorläufig) der Ansatz der Herdenimmunität.

Das Problem des aktuellen Ansatzes ist sein Erfolg. Zusammen mit anderen Faktoren, wie dem noch nicht komplett kaputtgesparten Gesundheitssystem, haben die Maßnahmen für eine relativ geringe Zahl an Todesopfern gesorgt. So gering, dass die meisten Menschen in Deutschland vermutlich keinen einzigen an Corona Verstorbenen kennen oder selbst nur einen Angehörigen. (Ich selbst weiß von einem sehr entfernten Bekannten, der eine Infektion nicht überlebt hat.)
Das würde sich aber vermutlich ändern, wenn die Opferzahlen in die Höhe schössen und wir Verhältnisse, wie vor kurzem in Spanien, Italien und Teilen Frankreichs erleben würden. Wie oft wohl ein Toter im Nahen Umfeld den Unterschied zwischen „Vollkommen überzogen“ und „Warum haben sie nichts getan?“ ausmachen würde? Allein, das menschliche Leid wäre mir als Preis für diese Erkenntnis zu hoch.

Das ärgerlichste ist, dass ich davon ausgehe, dass wir mit dieser zweiten Welle diesen ganzen Vorsprung zunichte machen werden, den wir uns in den letzten Wochen mit einem hohen Preis erkauft haben. Sollte es zu einer neuen Ansteckungswelle kommen, stehen wir wieder dort, wo wir Anfang März begonnen haben, Maßnahmen einzuleiten – im besten Fall. Im schlechtesten Fall haben wir es in kurzer Zeit mit sehr viel mehr Erkrankten zu tun und müssen deutlich härtere Gegenmaßnahmen ergreifen. Bleibt zu hoffen, dass sich die Wähler an die Laschets, Lindlers und Kubickis und all die anderen politischen Bruchpiloten erinnern, die ihnen diesen Unsinn eingebrockt haben.

Herdenimmunität, Dunkelziffern und Impfstoff

Weitgehend einig sind sich Wissenschaftler, dass Normalität erst wieder möglich sein wird, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung gegen das Virus immun ist. Danach schippern wir aber schon wieder in sehr unsicheren Gewässern. Ich habe Schätzungen von einer Immunität von 60-70 % der Bevölkerung gelesen, die ein weitgehend normales Leben wieder möglich machen würden. Um ein Virus auszurotten oder das Ansteckungsrisiko für besonders gefährdete Personen sehr niedrig zu halten, dürften analog zu anderen Krankheiten deutliche höhere Raten nötig sein. Für Risikopatienten liegt die Normalität also eher noch in weiter Ferne.

Bis es einen Impfstoff gibt (dazu gleich mehr), ist also die entscheidende Frage, wie viele Menschen die Krankheit überstanden haben. Derzeit hofft fast jeder, der in den ersten Monaten dieses Jahres mal ein Kratzen im Hals verspürte oder eine leichte Erkältung erlebte, einen sanften Verlauf von Covid-19 erlebt zu haben und immun zu sein. In der Realität wird die Quote vermutlich eher niedrig sein. Selbst die optimistische Schätzung der Heinsberg-Studie gingen für den kleinen Ort Gangelt nur von einem Siebtel bis einem Sechstel der Bewohner aus, die erkrankt gewesen sein könnten. Das wären 14,3 – 16,7 % und das in einem Ort, wo sich das Virus auf kleinstem Raum relativ lange weitgehend unkontrolliert verbreiten konnte.

Auch das Thema Impfstoff enthält viele unbekannte Variablen. Im Moment wissen wir nicht, ob und wie lange überhaupt Immunität gegen das Virus erreicht werden kann, wie schnell sich eventuell neue Virenstämme entwickeln, gegen die ein „alter“ Impfstoff dann gar nicht mehr wirken würde etc. Es ist derzeit noch nicht abzusehen, wann ein Marktfähiger (also in ausreichendem Umfang produzierbarer und sicherer) Impfstoff zur Verfügung stehen könnte. Optimistische Schätzungen hoffen auf das Frühjahr 2021.

Die Arbeitswelt

Hier erkennt man schon heute drastische Veränderungen und es ist davon auszugehen, dass man das Rad hier nicht wieder zurückdrehen  und sich die Unternehmenskultur wandeln wird. Davor haben scheinbar vor allem die Unternehmen Angst. Ich weiß von Firmen, die ihren Mitarbeitern noch am Tag vor der Bekanntgabe der Kontaktsperre Home-Office untersagten. Die offensichtliche Befürchtung war, dass es funktionieren könnte und man nach dem Ende der Krise nicht wieder zu der Behauptung zurückkehren könnte, dass für viele Jobs einfach kein Arbeiten von Zuhause möglich sei. Nun haben die letzten Wochen bewiesen, dass viele Tätigkeiten mindestens teilweise aus den eigenen vier Wänden durchzuführen sind und so wird der Präsenzfetisch wohl nicht mehr in dem Umfang ausgelebt werden, wir vor 2020.

Ob das für die Angestellten am Ende Fluch oder Segen ist, muss sich allerdings noch herausstellen. Zum einen haben nicht nur Eltern in den letzten Wochen herausgefunden, dass Arbeit im Home Office nicht immer und für jeden so einfach ist, wie man es sich vorgestellt haben mag, Zum anderen sorgt die Anwesenheit im Betrieb für eine klare Trennung zwischen Job und Privatleben. Sobald man das Firmengelände verlässt, ist die Arbeit vorbei. Diese Grenze kann im Home Office schnell verwischen, da muss sich die Firma nicht mal bewusst in die Freizeit ihrer Angestellten drängen. Viele schaffen es auch selbst nicht, im wahrsten Sinne abzuschalten.

Die Wirtschaft

Hier gehen die Meinungen vermutlich deutlich auseinander. In meinen Augen ist die Aufregung zumindest in einigen Branchen übertrieben. Ja, wenn es zu einer steigenden Arbeitslosigkeit kommen sollte bzw. die Kaufkraft sinkt, werden die Auswirkungen universell spürbar sein. Große Teile der produzierenden Gewerbes werden aber den Großteil ihrer Umsätze relativ bald nachholen, wenn sie im Moment überhaupt größere Einschränkungen erleben. Das theatralische Wehklagen der Autoindustrie etwa, die jetzt die Chance wittert, Kaufprämien für ihre Produkte zu fordern, deren Absatzschwierigkeiten schon lange vor Corona existiert haben, ist nur mehr peinlich.

Aber die Krise wird Auswirkungen haben und zwar in erster Linie bei Dienstleistern, vor allem solchen, die sich ohnehin nur von Auftrag zu Auftrag hangeln oder deren Produkte man nicht nachträglich konsumieren kann und solche ohne lautstarke Lobby in Medien und Politik. Gastronomie, Tourismus, Veranstaltungszentren, Künstler und kleine Dienstleister wie Frisöre, Kosmetiker, Tätowierer usw. So manche Einkaufsstraße, so mancher Kiez so manche Ferienregion wird nächstes Jahr deutlich anders aussehen, je mehr, desto länger die Krise andauert.

Vermutlich werden wir anfangen, unsere Wirtschaft auf mehr Resilienz auszurichten. Die in den letzten Jahrzehnten abgeschliffenen Doppelstrukturen wieder aufbauen, die zwar Geld kosten, aber auch Ausfallsicherheit schaffen. Vielleicht werden wir nicht mehr Waren mehrfach um die halbe Welt karren, weil verschiedene Arbeitsschritte auf unterschiedlichen Kontinenten ein paar Cent billiger sind.
Den Preis dafür werden allerdings vor allem die Entwicklungs- und Schwellenländer zahlen, die gerade darüber einen bescheidenen Wohlstand erwirtschaften konnten (während genau diese Abziehen oft eher einfacher Arbeiten dafür gesorgt hat, das der industrielle Kapitalismus für immer mehr Menschen in den alten Industrienationen nicht mehr funktioniert).

Und natürlich würden auch Chancen in der Krise liegen. Wir könnten die Lektionen aus den letzten Wochen lernen, was wirklich wichtig und nötig ist und uns zukünftig mehr darauf konzentrieren, welche Tätigkeiten und Handlungen sich positiv auf unsere Gesellschaft und Umwelt auswirken. Ich würde an dieser Stelle an meine „Schluss mit Wachstum“-Reihe auf diesem Blog verweisen, denn ich sehe wenig Chancen, dass wir diesen Weg kurzfristig gehen. Stattdessen wird die Politik alles tun, um noch den unsinnigsten Konsum zu fördern, damit die Wirtschaft bloß schnell wieder auf dem Stand vor der Krise steht.

Der gesellschaftliche Diskurs

Hier geht es ans Eingemachte, denn in diesem Feld werden wir die Folgen der Krise vielleicht am längsten spüren. Nicht, dass es vor Corona nicht schon eine Schieflage gegeben hätte. Eine rechtsradikale Partei zwischen 10 und 25 % in verschiedenen Parlamenten, Union und FDP, die mindestens in den Ländern (CDU) bis zur Bundesspitze (FDP) deren Parolen nachplappern.
Doch in den letzten Wochen beobachte ich aber eine noch sehr viel weiter gehende Verschiebung. Immer mehr Menschen gleiten in den Bereich der Verschwörungstheorien ab. Klar, die Meisten davon waren auch vorher eher etwas einfältig, aber wenn ich sehe, wer jetzt alles von der Impfverschwörung von Bill Gates, der autoritären Übernahme unseres Lebens durch die Bundesregierung, gegen eine angebliche Corona-Impfpflicht oder sonst irgendwelche „wACht eNdLIch aUf !!!1!11“ Posting teilt.

Auch das kommt nicht aus dem Nichts. Auch hier sei nochmals an Dampfplauderer wie Lindern (Sprechverbote) oder Kubicki (politisch manipulierte Zahlen beim RKI) erinnert (und ja, ich hoffe sehr, die rationalen Wähler vergessen ihnen das nie). Und ja, auch das sind nur Bausteine, die auf älteren Fundamenten ruhen, wie Seehofers „Herrschaft des Unrechts“ oder Söders „Asyltourismus“.
Wir kennen diese Entwicklung aus anderen Ländern, allen voran den USA und wir kennen das Ergebnis, wenn egoistische Populisten für einen kleinen kurzfristigen politischen Punktgewinn das Vertrauen in die gesellschaftliche und politische Ordnung immer weiter untergräbt – Schicht um Schicht. Und ich habe auch hier wenig Hoffnung, dass diese Figuren (und andere) damit aufhören werden.

Das Ergebnis werden immer größere Teile der Bevölkerung für einen rationalen Diskurs und für politische Kompromisse nicht mehr zu erreichen sein. Ob das Ausmaße wie in den USA erreicht, glaube ich (wenigstens kurzfristig) eher nicht. Dafür sind andere Aspekte, wie die religiöse Zugehörigkeit, bei uns nicht gegeben. Doch auch ohne eine (nahezu) 50 : 50 Aufteilung, die einen Demagogen ins Amt befördert, werden wir über Jahre mit diesen Entwicklungen zu kämpfen haben, selbst wenn Menschen, die es besser wissen (sollten) jetzt aufhörten, Öl ins Feuer zu gießen.

Das blaue Auge bei der Generalprobe

Und zu guter (oder schlechter) Letzt noch das unangenehmste Thema. Bei allen Unannehmlichkeiten der letzten Wochen und der nahen Zukunft, sind wir mit diesem Virus noch mit einem blauen Auge davon gekommen. Es sind sehr viel gefährlichere Viren denkbar, etwa sehr viel tödlichere (wie das SARS Virus 2002/2003) oder sehr viel ansteckender oder beides. Der Alptraum wäre ein extrem tödliches, extrem ansteckendes Virus, bei dem der Infizierte noch in der Inkubationszeit ansteckend ist, bevor er selbst Symptome verspürt.

Wir waren einmal naiv, nachdem wir bei den neuen Erregern der letzten Jahre relativ glimpflich davongekommen sind, wird sollten den gleichen Fehler nicht wiederholen. Es war vollkommen klar, dass auch uns irgendwann ein neuer Erreger treffen wird und das wird nicht der Letzte sein und wenigstens auf lange Sicht auch nicht der Gefährlichste. Wir haben das große Glück, dass die Politik nicht auf die Bertelsmänner dieser Welt gehört hat, die noch vor wenigen Jahren eine Halbierung der Krankenhausbetten gefordert hat (übrigens hat auch der jetzt oft gefeierte Karl Lauterbach von der SPD damals diese Idee vertreten).

Wie auch in der Wirtschaft sollte uns die aktuelle Situation daran erinnern, unsere medizinische Infrastruktur auf Widerstandsfähigkeit und weniger auf Profitabilität auszurichten.

Im Original veröffentlicht auf Deliberation Daily.

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