The Next Big Thing

Wie oft hat man den Satz schon gelesen: Band XY sind die neuen Band AB…wobei Band AB vorzugsweise 30 Jahre im Geschäft ist und, zumindest in ihrer Anfangszeit, eine Reihe unsterblicher Klassiker geschaffen hat, während Band XY gerade mal ein oder zwei ganz nette Alben auf dem Markt hat, die stilistisch irgendwo zwischen „an Band AB angelehnt“ und „dreist geklaut“ liegen. Aber woher kommt diese Sehnsucht nach dem, was die Amerikaner „The Next Big Thing“ nennen?

Zunächst ist klar: Die erste Liga der Rock- und Metalbands ist dramatisch überaltert. Wenn man sich eine Liste der Bands ansieht, die große Hallen oder gar Stadien füllen können, stehen dort heute im Großen und Ganzen noch die gleichen Namen wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Nur wenige neue Bands sind dazu gekommen.
Die Verantwortung dafür kann man nicht mal unbedingt den Musikern oder einer oft behaupteten sinkenden Qualität der Veröffentlichungen anlasten. Zum einen ist es schwer geworden, innerhalb der bestehenden Genregrenzen noch etwas wirklich Neues, Originelles oder Innovatives zu machen. Abgesehen davon, dass fast alles schon mal aufgenommen wurde, wird Innovation gerade in der Metalszene auch nicht unbedingt geschätzt und gewürdigt.

Dazu kommt, dass sich die Genres und Szenen mittlerweile in viele Subgenres und -szenen aufgespalten haben, die teilweise nichts voneinander wissen wollen. Konsensbands, die vor zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren wenn noch nicht die ganze, so doch wenigstens große Teile der Szene hinter sich vereinigen konnten, gibt es heute einfach kaum noch.
Selbst wenn es etwa einer Power Metal Band gelänge, ein spektakuläres Album aufzunehmen und dabei sogar noch so eigenständig zu klingen, dass sich der Großteil der alten Szenehasen nicht mit den Worten „klare Kopie von Band AB“ (wir erinnern uns) abwenden würde… der Großteil der Deathmetal- oder Blackmetalhörer würde davon nichts wissen wollen.

Die Ausgangslage für ein „Next Big Thing“ ist also denkbar schlecht, trotzdem versuchen Plattenfirmen und nicht zuletzt auch die Medien immer wieder, Bands künstlich auf das Plateau zu hieven.
Gut getan hat das freilich den wenigsten. Konnten TRIVIUM (die neuen METALLICA) noch einigermaßen selbstbewusst mit dem Druck umgehen, auch wenn man dann recht bald nicht mehr viel von ihnen hörte, war etwa bei AIRBOURNE (den neuen AC/DC) die Künstlichkeit des Hypes (und des Images) nur noch schwer zu übersehen. Etwa eine deutsche Homepage und große Stories in allen relevanten Medien, lange bevor in Europa auch nur ein Ton offiziell veröffentlicht war, ließen kaum einen anderen Schluss zu, als dass hier eine Band mit der Brechstange gepusht werden sollte, die spätestens mit den Alben von Vielen eher als eingleisiger Aufguss wahrgenommen wurde. Ein anderes Beispiel, wenn auch ohne klassische Vorlage, wären die hochnotpeinlichen THE DEVIL’S BLOOD, die von großen Teilen der Medienlandschaft in den Himmel gelobt, von mindestens der Hälfte der zahlenden Kundschaft (also dem Teil, der sie nicht aufgrund des mindestens lächerlichen Images nicht gleich ignoriert) als lahmer Aufguss einer Musik betrachtet werden, die es vor 40 Jahren schon mal deutlich besser gab.

Wo liegt also der Denkfehler? Augenscheinlichster Unterschied: Egal, welche der großen, alten Bands man nimmt, sie alle waren lange ein Szenephänomen, bevor sie ein Medienphänomen wurden. METALLICA waren ein Ergebnis eifriger Tapetrader, die meisten anderen Bands haben sich über Jahre in hunderten und tausenden von Spelunken den Arsch abgespielt, bevor die ersten größeren Hallen gefüllt werden konnten.
Vielleicht sollten sich Medien und Label damit abfinden, dass man (zumindest in der Metalszene?) immer noch den Kunden entscheiden lassen muss, was ihm letztendlich gefällt. Und wäre es nicht auch irgendwie beruhigend, wenn das zumindest da auch wirklich noch gelten würde?
Und wenn, wird auch heute der Weg über viele hundert Auftritte vor einer handvoll, dann ein paar dutzend, mit Glück ein paar hundert und vielleicht irgendwann ein paar tausend Zuschauer, Demos, EPs und Alben in Kleinauflagen führen… denn wie Bon Scott einst so schön getextet hat: „It’s A Long Way To The Top Íf You Wanna Rock N‘ Roll.“

Und vielleicht kann es tatsächlich keine (sub-) genreübergreifenden Giganten mehr geben. Vielleicht ist nach dem Aussterben der Dinosaurier tatsächlich Schluss mit Stadienrock… aber das wäre schon wieder ein Thema für eine eigene Kolumne. Deshalb soll es für heute auch reichen.

Schmeißt euch ein Album rein, das euch gefällt… egal ob alt oder neu… egal ob Platin-Album oder 500er Auflage… und dreht die Regler auf 11.

Im Original bei BurnYourEars: Mein Senf

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