Schluss mit Wachstum Teil 7 – Der Markt regelt gar nichts

„Der Markt regelt das, die Politik sollte sich da nicht einmischen.“ Das ist das Jahren das Mantra vieler selbsternannter „Liberaler“ und „Konservativer“. „Der Markt“ würde bessere Ergebnisse liefern, eine Art Schwarmintelligenz würde am Ende schon die beste Lösung für jede erdenkliche Frage finden.

Ein aufgeblasener Nebensatz Das Bild der „unsichtbaren Hand“ stammt aus dem Buch „Wohlstand der Nationen“ der schottischen Ökonomen Adam Smith. Dort spielt es allerdings nicht mal eine nennenswerte Nebenrolle. Während Smith heute fast ausschließlich auf diesen Satz reduziert wird und die Marktgläubigen, die sich auf ihn berufen, zum einen so tun, als wäre dies seine Kernidee und zum anderen, als hätte er eine (positive) moralische Bewertung dieses Gedanken verfasst, ging es Smith vor allem darum, wie sich Preise entwickeln und wie es dazu kommt, dass bestimmte Akteure (hier oft auch Bevölkerungsgruppen oder Nationen) bestimmte Produkte herstellen.

Ich möchte jetzt gar nicht weiter auf Smith Werk eingehen, denn die Analysen füllen ganze Buch-Reihen und haben die nachfolgende Ökonomen-Generationen stark beeinflusst (auch wenn Smith letztendlich daran scheiterte, eine stimmige Universaltheorie vorzulegen, zumal er insgesamt nur wenige Schriften publizierte und vor seinem Tod sämtliche Manuskripte und Briefwechsel vernichten ließ).
Wichtig ist aber, dass Smith nie glaubte, dass der Markt auf wundersame Weise die Belange der Gesellschaft regeln würde. Erst seine Nachfolger schrieben ihm diesen quasi-religiösen Ansatz zu.

Der perfekte/vollkommene Markt

Schauen wir uns also an unter welchen Bedingungen „dem Markt“ lenkende Wirkung zugeschrieben wird. In der Theorie wird ein vollkommener Markt angenommen. Dieser muss folgende Kriterien erfülle:

1. Die Waren und Dienstleistungen müssen jederzeit und ohne geografische Besonderheiten für alle zu den gleichen Bedingungen in gleicher Qualität erhältlich sein.
2. Es darf weder auf Seite des Käufers, noch des Verkäufers, eine persönliche Präferenz bestehen (z.B. durch Werbung)
3. Allen Akteuren müssen immer sämtliche Informationen zum Markt und den Gütern vorliegen (Markttransparenz)
4. Alle Akteure reagieren unverzüglich auf alle Veränderungen
5. Alle Akteure handeln immer in ihrem objektiven Interesse

Dazu kommt, dass jeder Akteur diverse Meta-Perspektiven einnehmen müsste, damit der Markt diese magische Wirkung entfalten könnte. Sie dürften sich nicht nur fragen, wie sie einen bestimmten Artikel zu den besten Bedingungen erstehen können, sondern müssten zum einen sämtliche Alternativprodukte kennen, korrekt bewerten und darüber hinaus realistische Erwartungen an die Vorteile durch den Erwerb gegen die ökonomischen, ökologischen und sozialen Nachteile nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Allgemeinheit und über ihre Lebensspanne hinaus abwägen.

Nun trifft schon grundsätzlich keine dieser Bedingungen zu. Es haben schon in einem begrenzten geografischen Gebiet nicht alle den gleichen Zugang zu den gleichen Produkten in gleicher Qualität. Global sind wir Welten davon entfernt. Nahezu alle Kunden haben irrationale Präferenzen für bestimmte Produkte oder Hersteller und handelnd nicht in ihrem objektiven Interesse (dazu später mehr). Niemandem liegen alle denkbaren Informationen zu einem Artikel vor. Die meisten wollen es auch gar nicht all zu genau wissen, was „in die Wurst kommt“. Viele scheitern schon daran, sich über die grundlegenden Gebrauchseigenschaften zu informieren und verschiedene Optionen zu vergleichen.

Es wird an dieser Stelle gerne eingeworfen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und neben dem Gebrauchswert auch das Prestige, das mit einem Produkt verbunden ist, ein objektives Interesse sein kann. Das ist sicher richtig, aber welche Ware mehr Prestige verschafft, entspringt wiederum nicht einer objektiven Bewertung. Dass ein I-Phone cooler ist, als ein Mobiltelefon von Huawai liegt nicht an den technischen Features.

Es wird in erster Linie durch Werbung beeinflusst, von Profis, die darauf trainiert sind, unsere psychologischen Schwächen zu gut wie möglich auszunutzen und ihr Produkt mit vollkommen unrealistischen Erwartungen zu verknüpfen, was es an unserem Leben ändern würde. Nicht mal das beste Produkt Tatsächlich scheitert „der Markt“ aus genau diesen Gründen regelmäßig schon daran, dem beste Produkt zum Erfolg zu verhelfen, geschweige denn, unsinnige Produkte (die oft nur als Gimmick für den einmaligen Gebrauch konzipiert sind) oder künstliche Trends und Moden abzuwehren.

Es sind entgegen der Legende nicht die Innovativsten, die sich durchsetzen, sondern die mit dem besten Marketing und der geschicktesten Öffentlichkeitsarbeit. Von den heute als große Intrapreneure gefeierten (wie Steve Jobs oder Bill Gates) haben selbst oft wenig bis nichts zur technischen (Weiter-) Entwicklung beigetragen, aber die Ideen anderer vermarktet (nicht selten, ohne sie dabei angemessen am Erfolg zu beteiligen). Und selbst dabei sind noch reichlich schlechte oder überflüssige Produkte entstanden.

Wir Menschen sind extrem schlecht darin, Objektiv Nutzen und Kosten abzuwägen oder den Nutzen verschiedener Angebote zu vergleichen. Noch weniger sind wir in der Lage, auf die Meta-Ebene zu wechseln und zu beurteilen, ob die sozialen und ökologischen Kosten es nicht rechtfertigen würden, etwas mehr für ein Produkt auszugeben (von einer möglicherweise verbesserten Haltbarkeit ganz zu schweigen).
Was diese Erwägungen noch schwieriger macht, ist dass die Menschen in den konsumstarken Regionen der Welt, die diese Entscheidungen vor allem treffen, nicht diejenigen sind, die den Preis dafür zahlen. Wir verschieben die Konsequenzen in andere wirtschaftliche Schichten, andere Erdteile oder andere Generationen. Und das ist nicht verwunderlich, wenn ein wesentlicher Teil der Bevölkerung hierzulande nicht mal einen Plan für die eigene Altersvorsorge hat (und nur ein Bruchteil davon, weil sie es sich nicht leisten können.)

Hier „funktioniert“ gar nichts

Ein Auslöser, diesen Text zu schreiben, waren Diskussionen unter anderem hier im Blog und in den Kommentaren, in denen immer wieder behauptet wurde, der „der Markt“ würde „funktionieren“. Um diese Behauptung aufrecht zu erhalten, muss man die Latte allerdings schon lächerlich niedrig hängen. Der Markt „funktioniert“ nicht (im Sinn einer regelnden Instanz, wie es die Gläubigen behaupten), nur weil wir im Supermarkt die Wahl zwischen 15 verschiedenen Sorten Himbeerjoghurt haben.

Und auch die Marktwirtschaft hat global noch nie funktioniert. Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem das gut darin ist, in kurzer Zeit viele Güter herzustellen. Profiziert hat davon aber immer nur ein kleiner Teil der Welt, während der große Rest leer ausging bzw. den Preis gezahlt hat. Die Verteilung scheint in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten etwas gerechter geworden zu sein.
Aber zum einen kann man mit einigem Recht fragen, ob ein Leben als Arbeiter im Sweat Shop wirklich besser ist, als Subsistenzwirtschaft, zum anderen führt genau diese Verlegung von Produktion (zu schlechteren Bedingungen bei Arbeits- und Umweltschutz, versteht sich) zu einem großen Teil der Verwerfungen, die wir hier erleben, weil das Wachstum nicht mehr ausreicht, die Effizienzsteigerungen aufzufangen.

Die Gier der Akteure nutzen?

Immer wieder wird gefordert, „den Markt“ zu nutzen, um Herausforderungen wie dem Klimawandel zu begegnen. Und ja, sicher könnte man die Gier der Akteure und bestimmte Marktmechanismen nutzen, um Entwicklungen zu forcieren. Wenn man die Bedingungen so angelegt sind, dass nur bestimmte Verhaltensweisen erlauben, Gewinne zu machen, werden die Menschen dem folgen. Das hat aber eben nichts damit zu tun, dass der Markt irgendetwas regeln würde, weil die Bedingungen nicht auf dem Markt festgelegt werden können. Ich persönlich bin bei dem Ansatz auch eher misstrauisch.

Meiner Meinung nach, wird sich unsere Wirtschaftsweise in Zukunft deutlich stärker umstellen müssen. Das wird nicht zu ständigem Gewinnstreben bzw. Gewinnoptimierung passen. Für den Moment mag es besser sein, „die Wirtschaft“ mit Gewinnen zu motivieren, ökologischer zu produzieren und eventuell sogar Möglichkeiten zu entwickeln, Emissionen, Müll etc. wieder aus dem Ökosystem heraus zu ziehen. Langfristig werden wir grundlegender denken müssen, um nicht den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen.

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