Da geht er hin…

Der Papst war da. Wer die letzten zwei Wochen nicht in einer Höhle ohne Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet verbracht hat, kann das kaum übersehen haben. Bereits im Vorfeld versuchten die Medien nahezu unisono eine nationale Begeisterung herbei zu schreiben und sämtliche Kritiker (besonders die Bundestagsabgeordneten, die angekündigt hatten, der Rede fern zu bleiben) als Querulanten und Miesmacher darzustellen. Im Nachhall mehren sich langsam die kritischen Stimmen. Die allerdings kommen überwiegend von Gastautoren. In den Redaktionen und von den regelmäßigen Kolumnenschreibern wird mindestens ebenso emsig versucht, ein positives Fazit der Visite zu ziehen, auch wenn Ratzinger genau das Gegenteil von dem von sich gegeben hat, was die Menschen hören wollten und was ihrer Lebenswirklichkeit entsprochen hätte. Man muss ihm, um es mit ihm aufzunehmen, nicht mal die Missbrauchsfälle vorwerfen, auch wenn man es könnte, da seine Beteiligung an der Vertuschung mittlerweile als gesichert angesehen werden kann. Nein, an dieser Stelle sollen tatsächlich nur die Inhalte durchleuchtet werden. Wie könnte ein ehrliches Fazit dieses Besuchs ausfallen?

Schöne Bilder, doch was steckt dahinter?

Die Bilder der Andachten in Berlin und Freiburg sind, je nach Standpunkt, Dokumente wunderbarere religiöser Eintracht oder fürchterlicher Indoktrination junger Menschen. Die Befürworter von Papst und Besuch sehen allein in den Besucherzahlen schon einen Beleg der Notwendigkeit von Religion und Kirche allgemein und eine Zustimmung zu diesem Papst und seinen Inhalten im Besonderen. Das wäre allerdings in etwa so, als würde man anhand der Verkaufszahlen nachweisen wollen, dass Britney Spears eine überdurchschnittlich begabte Musikerin ist.

Näher an der Wahrheit dürfte sein, dass der Großteil der schon anlässlich des Weltjugendtages 2005 zur „Generation Benedikt“ erklärten Jugendlichen, so weit sie ihrem Oberhaupt überhaupt ernsthaft zugehört haben sollen, im Alltag (zum Glück) wenig bis keine Bedeutung beimisst. Der Papstbesuch ist ein Event, ein Feiern einer gemeinsamen (Sub-) Kultur und das bestätigen einer gemeinsamen Identität oder zumindest eines Identitätsaspekts, wie auf einem Rockfestival oder einer Sport-Großereignis. Alle diese Erlebnisse mögen einem ein paar Tage frischen Schwung geben, doch letztendlich kehrt man zurück in sein normales Leben und hängt das Pilgergewand genau so in den Schrank zurück wie das Bandshirt oder den Fanschal.

Ökumene eher ökonomisch

Man könnte auch sagen: In diesem Feld war Ratzinger äußerst sparsam. Das langsam aber sicher peinliche Werben der evangelischen Glaubensgemeinschaften um Anerkennung von der Mutter-Kirche hat der Papst recht schroff abblitzen lassen (um gleichzeitig Avancen an die orthodoxen Christen zu machen, die ihrerseits eher wenig Lust verspüren, ihn wieder als ihr Oberhaupt anzuerkennen).

Was genau die Protestanten in Deutschland seit dem Amtsantritt Ratzingers immer wieder dazu bringt darum zu betteln, sich ihm unterwerfen zu dürfen, muss man vermutlich nicht verstehen. Als sicher darf aber spätestens seit diesem Wochenende gelten, dass Papa-Razi nicht vorhat, den verirrten Schäfchen entgegen zu kommen.

Es mag die Angst vor der schwindenden Bedeutung sein, die bei Protestanten wie Katholiken in den letzten Jahren dazu geführt hat, dass man noch jeden noch so obskure Sekte umgarnt, die evangelischen Landeskirchen diverse Evangelikale, die Kurie zum Beispiel die Pius-Brüder, aber für den großen Schritt scheint zumindest Rom noch nicht bereit, obwohl dem Vatikan wenigstens in Europa die dafür notwendigen Reformen wieder etwas Luft verschaffen würde.

Christliche Werte?

Um nicht ungerecht zu sein, muss man zugeben, dass Ratzingers Rede vor dem Bundestag sehr viel besser war, als viele Kritiker erwartet hatten. Allerdings kann man dem Theologen ohnehin vieles vorwerfen, doch sicher nicht mangelnde Intelligenz. Man musste damit rechnen, dass er seine Worte im Parlament mit Bedacht wählen würde.

Gut, den Versuch, Religion (und natürlich in erster Linie die eigene) als einzig mögliche Quelle und Grundlage für Moral (und auch hier gelten natürlich vor allem die eigenen Vorstellungen) zu definieren, ist man von Gläubigen gewohnt und erwartet man von einem Papst auch gar nicht anders, selbst wenn fast sämtliche soziologischen oder anthropologischen Untersuchungen das Gegenteil ergeben.
Ärgerlicher ist der Versuch, gerade die Werte und Errungenschaften als originär christlich verkaufen zu wollen, die in langen und harten Kämpfen insbesondere auch den Kirchen abgerungen und bis weit ins letzte Jahrhundert gegen sie verteidigt werden mussten, wenn sie nicht bis heute vor dem Einfluss der Kirchen geschützt werden müssen.

Die Menschen- und Freiheitsrechte etwa sind nun wirklich kaum das Verdienst der Theologen, die sie noch heute nur den Menschen zuerkennen wollen, die nach ihren Maßstäben moralisch leben. Diese Maßstäbe, auch das gebietet die Fairness, liegt in einigen Bereichen, etwa der Kritik am bedingungslosen Profitstreben, nicht vollkommen daneben. Allerdings bleibt bei Ratzinger die ewig gleiche Schlussfolgerung, die Hinwendung zu Gott und natürlich die Unterordnung unter den Klerus…womit wir uns dem letzten Punkt zuwenden können.

Reformation ist Deformation?

Wohl kein Aspekt ist für die katholische Kirche in Mitteleuropa so eine Frage auf Leben und Tod, wie die Reformfähigkeit. In Österreich hat sich eine starke innerkirchliche Protestbewegung gebildet, in Deutschland fordert mittlerweile eine Mehrheit der Lehrbefugten Veränderungen, während die Laien ohnehin schon seit Jahrzehnten an der Kurie vorbei leben.

Öffnung für Frauen, das Zölibat, der Führungsanspruch Roms – das sind nur einige der Punkte, in denen die Gläubigen und jene, die zumindest die Einrichtung Kirche schätzen, Bewegung vom Papst erhofft haben. Der jedoch – und wer sich vor seiner Ernennung mit dem Wirken des Kardinals Ratzinger befasst hat, kann kaum überrascht sein – verweigert jedes Entgegenkommen.

Verteidigt wird das in der Regel mit dem Hinweis, die Kirche bestünde seit zweitausend Jahren und es sei nicht ihr Zweck, sich dem Zeitgeist anzupassen. Dabei wird vollkommen ignoriert, dass sich die Kirche schon immer den Moden angepasst hat. Allein die Kurie in Rom mit einer autoritären Führung und starrem Regelkorsett dürfte mit dem Urchristentum wenig gemein haben. Aussagen zu Menschenrechten und gesellschaftlichen Führern, die sich zurücknehmen sollen, hätte man wohl von Kirchen, die wie kaum eine andere Institution immer für die Stärkung von Herrschaftsstrukturen angetreten ist, bis vor rund dreihundert Jahren kaum gehört. Das Dogma der Unfehlbarkeit schließlich ist noch keine hundertfünfzig Jahre alt.

Zeitgleich zeigt sich hier die Doppelmoral Ratzingers. Im Bundestag serviert er das Gleichnis Salomons, der sich ein offenes Ohr und Demut in seiner Rolle wünscht, was er beides auch den Volksvertretern ans Herz legt. In der Diskussion mit seinen Schäfchen will er von ihren Wünschen nichts hören und fordert zu bedingungslosem Gehorsam gegenüber Rom auf.

Man kann mit einigem Recht die Position einnehmen, dass es sich hier um das letzte Aufbäumen eines Phänomens handelt, das sich überlebt hat, weil seine Erklärungen mittlerweile vom Wissen über die Funktionsweise der Welt überholt wurden. Das ist einerseits sicher richtig und gleichzeitig zu kurz gegriffen.

Es mag das letzte Aufbäumen sein, aber wenn man sich den Vormarsch der religiösen Rechten in den USA anschaut und zur Kenntnis nimmt, dass besonders im äußersten Westen Deutschlands der lange Arm der Evangelikalen schon in Landesregierungen hinein gereicht hat, dann kann das ein langes und unangenehmes Finale werden.

Interessant immerhin die Forderung Ratzingers, die Kirche zu „entweltlichen“. Sollte das tatsächlich, wie es mancher Kommentator versteht, zu einem Rückgang der Einflussnahme auf die Tagespolitik führen und die Kirche aus den Gremien und Institutionen heraus ziehen, dann hätte der Besuch zumindest einen großen Erfolg auf der Haben-Seite. Doch selbst als Atheist muss man sich an dieser Stelle kritisch fragen, welche Kräfte wohl in das entstehende Vakuum nachrücken mögen.

Im Original veröffentlicht beim Spiegelfechter.

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Eine Antwort zu “Da geht er hin…

  1. Respekt, da war der Papst in Deutschland und sagte: „Eine vom Weltlichen entlastete Kirche vermag gerade auch im sozial karitativen Bereich den Menschen, den Leidenden wie ihren Helfern, die besondere Lebenskraft des christlichen Glaubens vermitteln.“ Wie recht er hat. Staat und Kirche gehören generell getrennt.

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