Privileg

Ich habe eine ganze Weil überlegt, ob und wie ich diesen Text schreiben soll. Der erste Instinkt nach den Unruhen in den USA wäre, über Rassismus in den USA zu schreiben. Das können andere vermutlich besser, die näher an der Situation sind. Davon abgesehen haben solche Texte auch schnell einen gewissen Zoo-Effekt. Man schaut von außen auf ein scheinbar weit entferntes Problem, mit dem man selbst nichts zu tun hat. Der zweite Ansatz war, über Rassismus bei uns zu sprechen. Das wäre durchaus nötig. Aber als von Rassismus nicht selbst betroffener finde ich es gerade jetzt problematisch, für mich in Anspruch zu nehmen, als weißer Mann dem Publikum dieses Thema erklären zu wollen. Gerade jetzt melden sich immer mehr Betroffene zu Wort und die Bühne zu diesem Thema sollte ihnen gehören. Diesen Menschen sollte man zu diesem Thema endlich mal zuhören und glauben. Die meisten Menschen in der Mehrheitsgesellschaft würden das Meiste, was die betroffenen von Rassismus an Ausgrenzung, Erniedrigung bis zu Gewalt erleben, selbst nicht tun. Sicher ist, dass sie es nie am eigenen Leib erleben. Vermutlich fällt es manchem aus diesen Gründen schwer, zu glauben, was berichtet wird. Aber nur weil mir etwas nicht passiert, bedeutet nicht, dass es niemandem passiert – im Guten wie im Schlechten.

Der dritte Ansatz ist, über meine Perspektive zu schreiben und mir Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet als weißer, heterosexueller Mann ohne Behinderungen zu leben. Es geht um Privilegien. Und genau davon soll dieser Text handeln.

Dieses Thema ist – aus für mich unerfindlichen Gründen – für manche Menschen sehr emotional und mit extremen Abwehrreaktionen verbunden. Aus irgendeinem Grund will niemand privilegiert sein. Das trifft besonders auf die selbsternannten „Selfmade-Men“ (und es sind fast immer Männer) zu (aber zu diesem Thema planen in demnächst einen eigenen Artikel). Nun bedeutet ein Privileg genießen nicht, dass man ein privilegiertes Leben führt oder dass einem alles in den Schoss gefallen ist. Es bedeutet, dass man gegenüber einigen Menschen einen Vorteil hat bzw. in diesem Fall bestimmte Nachteile nicht hat.

Ich habe zum Beispiel einen deutsch klingenden Vor- und Nachnamen. Wenn ich mich auf einen Job oder um eine Wohnung bewerbe, muss ich mir keine Gedanken machen, aufgrund meines Namens aussortiert zu werden. Das bedeutet nicht, das ich Stelle oder Wohnung am ende bekomme. Es ist einfach nur eine Hürde weniger, die ich überwinden muss, um ans Ziel zu kommen, egal ob ich das für mich als Vorsprung begreifen möchte oder so interpretiere, dass anderen Steine in den Weg gelegt werden.

Nicht nur das. Meine Chancen, auf höhere Schullaufbahn waren leistungsunabhängig besser, als bei vielen Angehörigen einer Minderheit. Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die belegen, dass Kinder aus Geringverdiener-Haushalten bei gleichen Leistungen seltener eine Gymnasialempfehlung ehrhalten, als Kinder aus der Mittelschicht oder darüber. Diese Tendenz ist bei Schülern mit „Migrationshintergrund“ (Mangels eines besseren Begriffs) nochmals verstärkt. Abgesehen davon, dass Kinder mit fehlenden Deutschkenntnissen im Extremfall sogar in die Förderschiene abgeschoben werden können, wo sie gar keinen regulären Schulabschluss machen können.

Wenn ich mit der Polizei in Kontakt komme, kann ich davon ausgehen, mit Respekt behandelt zu werden. Selbst wenn man relativ offensichtlich einer Subkultur angehört, muss man mit heller Haut heute wohl nur noch in Bayern befürchten, häufiger von der Polizei angehalten zu werden. Für viele People Of Colour ist das Alltag. Insbesondere für Jugendliche.

Ich bin grundsätzlich immer noch sehr nah daran, was als „normal“ betrachtet wird (und ich kann jedem, unabhängig von der politischen Einstellung nur empfehlen, sich dieses Video anzuschauen). Alles was anders ist, ist die Abweichung, die sich erklären und rechtfertigen um im Zweifelsfall anpassen soll. Noch dazu muss ich mich nur sehr selten (wenn überhaupt) außerhalb von Zusammenhängen bewegen, in denen ich als die „Norm“ gelte.

Damit hätten wir das Thema „White Privilege“ angekratzt. Ähnliches gilt für mein Geschlecht. Mir wird keine Anstellung verweigert, weil der Personaler davon ausgeht dass „meine biologische Uhr tickt“ und ich in den nächsten Jahren Kinder bekommen könnte. Die Gefahr sexueller Belästigung (nicht nur im Job) ist deutlich geringer. Ich muss in der Regel nicht deutlich besser sein oder wasserdicht argumentieren, um mich durchzusetzen. (Das einige Kommentatoren und Autoren hier im Blog anderes gewohnt sind, kann man regelmäßig beobachten.)

Die sexuelle Orientierung ist ein weiterer Punkt. Ich kann bei der Arbeit problemlos ein Foto meiner Partnerin aufstellen. Das ist heute kein Problem, es wäre vor 20 Jahren keines gewesen und auch nicht vor 50 oder 100 Jahren. Ich musste mich nie umschauen, wenn ich in der Öffentlichkeit die Hand meiner Freundin nehmen oder sie küssen wollte, ob jemand in der Nähe ist, der so aussieht, als könnte ihn das stören.
In diesem Punkt hat es, nach harten Kämpfen und gegen reichlich Widerstand, in den letzten Jahren beachtliche Fortschritte gegeben. Trotzdem ist Gewalt gegen homosexuelle Menschen noch immer nicht ungewöhnlich und das nicht nur in extrem religiösen Ländern. Und das sind die Extremfälle. Es gibt noch immer viele, die sich nicht outen, weil sie das Unverständnis ihres privaten Umfelds fürchten oder Nachteile bei der Karriere.

Und natürlich profitiere ich davon, ob ich das will oder nicht. Mindestens statistisch gibt es durch diese Benachteiligung weniger Mitbewerber auf Studienplätze, Jobs, Wohnungen usw. Aber – nochmals – das bedeutet nicht, dass ich nicht andere Widerstände und Benachteiligungen überwinden musste, um dorthin zu kommen, wo ich heute bin. Die Anstrengungen und Kämpfe, die Leistungen anderer, diese Hürden überwunden zu haben, zu erkennen und anzuerkennen, schmälert nicht die eigene Leistung. Und nicht zuletzt sollte es wenigstens etwas Verständnis für die Menschen bringen, die es nicht geschafft haben, diese zusätzlichen Hindernisse zu überwinden und die ihr Potenzial nicht entfalten konnten.

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