Zwo, Eins, Risiko

„Restrisiko“ – die vielleicht in der Diskussion um die Atomkraft am häufigsten benutzte und doch irre führendste Vokabel. Es klingt nach „vernachlässigbar“, nach etwas kaum Vorhandenem. Wie bei der zum heutigen Tag wieder aufflammenden Debatte über den deutschen Atomausstieg, der im Ausland noch oftmals für eine Art germanische Hysterie gehalten wird, zeigt sich an diesem Punkt ein, teilweise gewolltes, Missverständnis der Natur von Risiken und Wahrscheinlichkeiten.

Ein Jahr nach Fukushima brandet sie wieder auf, die Atomdebatte. Wenigstes einmal schien das Thema bereits erledigt, als die Rot-Grüne Bundesregierung im Jahr 2000 zusammen mit den Betreibern den Fahrplan zum Ausstieg verhandelte. Dass es die Betreiber damit nie ernst meinten und nur auf einen rechtzeitigen Regierungswechsel spekulierten, zeigte sich spätestens 2005, als während der Legislaturperiode der großen Koalition erstaunlich viele Meiler über Monate „gewartet“ werden mussten, um die letzten freien Stromkapazitäten über die nächste Wahl zu retten.
Selbstverständlich wurden in dieser Zeit auch die vereinbarten Investitionen in die Infrastruktur, ohne die eine Energiewende nicht stattfinden kann, nicht getätigt. Das ist auch der Grund, warum wir uns heute an dem Punkt im Prozess befinden, an dem wir uns befinden. Und die schwarz-gelbe Regierung enttäuschte die Energieriesen nicht und machte den Ausstieg als eine ihrer ersten (und wenigen) Maßnahmen rückgängig und das nicht nur in Form eine Gesetzen, sondern durch einen Vertrag, der uns vermutlich noch viel Geld kosten wird.

Nach Fukushima folgte die zweite Kehrtwende, so schien es zumindest. Denn auch seit dem erneut beschlossenen Ausstieg werden Energieriesen und Industrie nicht müde, von Versorgungsengpässen und Energiesicherheit zu schwadronieren, auch wenn die einzige echte Energieknappheit in den letzten Monaten durch Preisspekulationen an den Energiebörsen verursacht wurden.
Auch die bisherigen Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz, zum Ausbau regenerativer Energien, zum lange verschlafenen Ausbau der Netz-Infrastruktur und zur Entwicklung von Speichermöglichkeiten kommen nicht voran. Vieles beruht auf Selbstverpflichtungen und Willenserklärungen, so dass man im Moment nicht ausschließen kann, dass der endgültige Ausstieg dann doch wieder mit großem Bedauern verschoben werden könnte, um die Versorgungssicherheit nicht zu gefährden.

Und da ist es dann auch wieder, das „Restrisiko“. Dieser Begriff wurde über Jahrzehnte von Politik und Wirtschaft geschickt genutzt und hat sich in der gewünschten Bedeutung in der Psyche der Gesellschaft verankert. Er sagt aus, dass nun wirklich alles Menschenmögliche getan würde, um den Fall X zu verhindern und dadurch nahezu sicher wäre, dass er nicht eintritt.

In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. „Alles was schief gehen kann, wird schief gehen“ – Murphy’s Gesetz ist deutlich näher an der Wahrheit, beschränkt sich aber auf ungewollte Vorkommnisse. Neutral formuliert könnte man es auf eine Formel bringen: Alles, was physikalisch möglich ist bzw. wofür die Voraussetzungen erfüllt sind, wird passieren. Die Frage ist nur wann, wo und eventuell wem.

Bei einem einzelnen Vorgang mag die Wahrscheinlichkeit, dass Fall X auftritt, sehr gering sein. Je öfter dieser eine Vorgang aber weltweit durchgeführt wird, desto mehr nähert sich die Wahrscheinlichkeit der Eins an.
Gut illustrieren kann man das am Beispiel von Lotto-Ziehungen. Pro Tipp wird die Wahrscheinlichkeit, sechs Richtige und die Zusatzzahl zu haben von der deutschen Lottogesellschaft im Spiel 6 aus 49 mit 1: 139.838.160 angegeben. Gleichzeitig passiert das allerdings in der Regel mehrmals pro Monat jemandem in Deutschland, gelegentlich sogar Zweien in der selben Ziehung.

Die Häufigkeit des Eintretens eines Sechsers mit Zusatzzahl hat ihren Grund in der Zahl der Mitspiele bzw. der abgegebenen Tipps. Das ist bei jeder anderen Wahrscheinlichkeit, und nichts anderes ist ein Risiko, das Gleiche. Wenn bei einer Handlung die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Unfalls Eins zu einer Million beträgt, dann ist das Risiko für die einzelne Handlung tatsächlich gering, aber irgendwann wird diese millionste Ausführung kommen. Abgesehen davon, dass die Wahrscheinlichkeit natürlich eine statistische Größe ist und sich nur auf lange Sicht tatsächlich dieses Verhältnis einstellen würde.

Darüber hinaus gibt es genug Gründe für ein gesundes Misstrauen gegenüber den offiziellen Risikoeinschätzungen. 1979, nach dem Unfall im Reaktor Harrisburg, ließen die Befürworter der Technologie verlauten, so etwas könnte höchstens alle 60 Jahre geschehen. Sieben Jahre später, nach Tschernobyl, spotteten die Gegner „Ach Kinder, wie die Zeit vergeht.“ Auch könnte man anführen, dass wir das Risiko über den Atommüll über einen Zeitraum ausdehnen, der die bisherige Menschheitsgeschichte übersteigt. Wenn wir uns nur die Verwerfungen der letzten Jahrzehnte anschauen, kann diese Zeitspanne in keine berechenbare Wahrscheinlichkeit gegossen werden.
Und auch neben der Atomfrage gäbe es genug andere Baustellen, etwa die Gentechnologie, deren selbst mittelfristige Auswirkungen derzeit noch nicht im Ansatz abzusehen sind, die uns aber als vollkommen sicher verkauft werden soll.

Natürlich kann man ein Risiko minimieren. Aber auch das bedeutet eben nicht, dass ein bestimmter Fall nicht eintreten wird, sondern nur, dass er auf lange Sicht seltener eintritt. Die wichtigere Frage, die sich also eine Gesellschaft und jeder Einzelne stellen muss, ist als nicht die des Risikos bzw. der Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Falles, sondern die der Konsequenzen und ob man bereit und in der Lage ist, sie zu tragen, wenn der Fall dann eintritt. Denn DASS der Fall eintritt, wenn man ein bestimmtes Vorgehen weiterführt, ist sicher.

Im Original veröffentlicht beim Spiegelfechter.

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