Der rechte Rand – es geht um die Hackordnung

Die Ergebnisse der Landtagswahl in Thüringen sollten eigentlich nicht überraschen. Die Umfragen haben das Potenzial der Rechtsextremen erfasst, die Wahlen in Brandenburg und Sachsen hatten vergleichbare Ergebnisse gebracht. Doch als wäre das eine vollkommen neue Entwicklung geht das Rätselraten los, was denn diesen „Rechtsruck“ ausgelöst haben könnte: Arbeitslosigkeit, fehlende Anbindungen und kulturelle Angebote auf dem Land, der Wegzug von jungen Menschen und besonders Frauen usw.

Einiges davon stellt echte Probleme dar, allerdings tut die AfD nicht mal so, als wollte sie dafür Lösungen anbieten. Ihr kommt es allein darauf an, den Frust umzulenken. Vielleicht sollte man sich zuallererst mal mit der wahrscheinlichsten Variante beschäftigen: Die AfD-Wähler wählen eine rassistische und rechtsextreme Partei, weil sie selbst Rassisten sind und die rechtsextremen Inhalte gut finden.

Wir kennen das Spiel seit Jahren, dass versucht wird zu orakeln, warum die Menschen Rechtsextremisten wählen, deren Inhalte die angeblich gar nicht teilen. Die Umstände ließen ihnen gar keine andere Wahl, ist immer wieder zu lesen. (In nächster Zeit wird man vermutlich auch bei uns mehr über „Identitätspolitik“ lesen. Das ist aktuell nach Politcal Correctness das neue Narrativ der Rechten und ihrer Bauchrednerpuppen in den USA, das erklären soll, warum eigentlich die Linken am Erstarken der Rechten die Schuld tragen).
Und auch viele AfD-Wähler würden den Vorwurf, rassistisch oder etwa homophob zu sein, von sich weisen. Und das mag sogar stimmen. Einige dieser Menschen haben nichts gegen Minderheiten, solange die brav an „ihrem Platz“ bleiben.

Genau das hat sich aber in den letzten Jahren zunehmen geändert. Gruppen, über die man früher noch unwidersprochen Witze machen und auf die man herabsehen konnte, stehen einem jetzt auf Augenhöhe gegenüber. Sie verstecken sich nicht mehr oder kuschen, sondern fordern ihre Rechte selbstverständlich ein.
Objektiv hat sich dabei für die Mehrheitsgesellschaft nichts geändert. Ob gleichgeschlechtliche Paare heiraten können, könnte einem heterosexuellen Menschen eigentlich vollkommen egal sein. Einige scheinen aber mit den sich veränderten Dynamiken ihre Probleme zu haben.

In anglo-amerikanischen Sprachraum gibt es das Sprichwort: „A rising tide lifts all boats“ – die Flut hebt alle Schiffe an. Das entspricht etwa dem, was der Soziologe Ulrich Beck als den „Fahrstuhleffekt“ bezeichnete, womit er den Zuwachs des Lebensstandards in der Nachkriegszeit beschrieb. Was aber, wenn sich dadurch an der relativen Stellung im sozialen Gefüge nichts ändert oder diejenigen, die ohnehin mit einem Vorsprung ins Rennen gestartet sind, sich überdurchschnittlich verbessern und die Schere noch weiter auseinanderdriftet?

Genau das ist passiert und es ist ein Grund, dass der erhöhte materielle Lebensstandard die Lebensqualität schon eine Weile nicht mehr positiv beeinflusst, weil kein Statusgewinn damit verbunden ist. Wenn sich jetzt jede Familie in meinem Umfeld ein zweites Auto leisten kann, ist das kein Statussymbol mehr. Im Gegenteil, ich kann nur noch gleichziehen.
In dieser Situation erscheint Manchem die Emanzipation vieler Minderheiten wie ein Verlust von Status. Menschen, die bisher unter ihnen standen, egal wie intelligent, talentiert oder sogar erfolgreich sie waren, befreien sich aus der Rolle des Underdogs und ziehen gleich, ja überholen sogar Personen aus der Mehrheitsgesellschaft. Auch wenn sich deren alltägliches Leben überhaupt nicht geändert hat, haben sie das Gefühl, dass sie ihre relative Position verschlechtert hätte, weil nun weniger Menschen und Menschengruppen (automatisch) unter ihnen stehen (und durch eine Glasdecke daran gehindert werden, aufzuschließen).

 

Genau hier setzt die AfD an. Sie verspricht nicht, die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern (ganz im Gegenteil würden große Teile ihrer politischen Ideen sogar den Schwächeren deutlich schaden), aber sie verspricht der Mehrheitsbevölkerung, dass man Minderheiten noch schlechter behandeln wird und das sich im sozialen Gefüge immer noch jemand unter ihnen befinden wird (und zwar egal, wie gut diese Personen sind oder wie sehr sie sich anstrengen).

Aber was folgt daraus? Ein wichtiger Schritt wäre eine Politik, die verhindert, dass Menschen Angst davor haben müssen, abzurutschen und am unteren Ende der Nahrungskette zu landen. Wer sich sicher sein kann, bedingungslos über ein solides Auskommen mit sozialer Teilhabe zu verfügen, muss weniger darauf bedacht sein, dass in der sozialen Hackordnung noch jemand unter ihm kommt.
Aber auch auf der anderen Seite, wo ein Teil der Gesellschaft immer weiter in schwindelnde Höhen entgleitet und einen für die Mehrheit unerreichbaren Lebensstil vorlebt (oder zumindest simuliert) sind Korrekturen nötig. Und nicht zuletzt müssen wir es schaffen, dass wir gesellschaftliches Prestige nicht mehr primär nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten verteilen.

Wer gute Aussichten hat, neben einer gesicherten materiellen Grundlage dauerhaft ein stabiles und wertschätzendes soziales Umfeld zu haben, ist hoffentlich weniger anfällig für die rechtsradikalen Rattenfänger.

Eine Antwort zu “Der rechte Rand – es geht um die Hackordnung

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